Zwischen Wahn und Wirklichkeit – Die Nervosität der Gegenwart

 

Mit On Nervous Grounds. Zwischen Wahn und Wirklichkeit widmet sich das Kunstmuseum Wolfsburg einer Erfahrung, die das gesellschaftliche Klima der Gegenwart prägt: dem Leben in einer Zeit permanenter Verunsicherung. Die Ausstellung (bis zum 27.09.2026) versammelt Arbeiten aus der eigenen Sammlung, die seit den 1970er-Jahren entstanden sind und unterschiedliche Formen emotionaler Erfahrung sichtbar machen. Dabei geht es weniger um eine Psychologie individueller Gefühle als um deren politische, soziale und kulturelle Dimension.

Der Ausgangspunkt der Ausstellung ist ebenso aktuell wie grundlegend. Angesichts globaler Krisen, zunehmender Polarisierung und gesellschaftlicher Spannungen stellt sich die Frage, wie Emotionen unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit beeinflussen. Die kuratierte Auswahl versteht Kunst dabei nicht als Kommentar zu tagespolitischen Ereignissen, sondern als Resonanzraum, in dem sich Unsicherheit, Angst, Empathie, Verletzlichkeit oder Begehren in unterschiedlichen ästhetischen Formen manifestieren.

Bemerkenswert ist, dass die Ausstellung auf eine chronologische Erzählung verzichtet. Stattdessen entwickelt sie ein dichtes Netz thematischer Bezüge zwischen Fotografien, Installationen, Videoarbeiten und Performances. Die Werke treten miteinander in Dialog und eröffnen unterschiedliche Perspektiven auf emotionale Ausnahmezustände, ohne diese auf eindeutige Botschaften zu reduzieren.

Zu den eindrucksvollsten Arbeiten gehört Ariel Reichmans interaktive Installation I AM (NOT) SAFE. Der wechselnde LED-Schriftzug macht aus einer scheinbar einfachen Aussage eine existenzielle Frage nach Sicherheit und Bedrohung. Die Besucherinnen und Besucher werden unmittelbar in diesen Entscheidungsraum hineingezogen und erleben, wie fragil subjektive Gewissheiten geworden sind. Ebenso setzt Rebecca Horns kinetische Installation High Moon auf körperlich erfahrbare Ambivalenz. Zwei aufeinander gerichtete Gewehre verbinden sich in einer mechanischen Choreografie aus Anziehung und Zerstörung und verwandeln Gewalt in ein irritierend poetisches Bild.

Auch fotografische Arbeiten nehmen in der Ausstellung eine zentrale Rolle ein. Jeff Wall entwickelt in seinen großformatigen Inszenierungen eine Bildsprache, die an Filmstills erinnert und das Publikum in erzählerische Zwischenräume führt. Die Szenen bleiben bewusst offen, erzeugen jedoch ein latentes Gefühl von Bedrohung, das weniger aus dem Sichtbaren als aus den eigenen Projektionen entsteht. Cindy Sherman wiederum nutzt groteske Selbstinszenierungen und verstörende Bildwelten, um tradierte Vorstellungen von Weiblichkeit ebenso infrage zu stellen wie Mechanismen des Horrors und der kulturellen Angstproduktion.

Mehrere Positionen richten den Blick auf gesellschaftliche Machtverhältnisse. Kapwani Kiwanga erinnert mit ihrer minimalistischen Skulptur Glow #11 an historische Formen rassistischer Kontrolle und Überwachung. Olga Koumoundouros untersucht in ihrer Werkserie LA Gun Club die kulturelle Verankerung der amerikanischen Waffenkultur und macht sichtbar, wie eng Sicherheitsversprechen und gesellschaftliche Ausgrenzung miteinander verbunden sein können. Christian Falsnaes wiederum zeigt anhand einer dokumentierten Performance, wie leicht sich Gruppen durch Charisma, Sprache und körperliche Präsenz emotional mobilisieren und manipulieren lassen.

Dabei erweitert die Ausstellung den Begriff des Emotionalen konsequent über das Individuelle hinaus. Heinkuhn Oh porträtiert junge Soldaten nicht als Repräsentanten militärischer Stärke, sondern als Menschen in einem Zustand zwischen persönlicher Identität und institutioneller Rolle. Sylvain Couzinet-Jacques beobachtet Jugendliche im öffentlichen Raum und beschreibt eine Generation, deren Gemeinschaft zugleich von Einsamkeit geprägt ist. Mithu Sen übersetzt schließlich körperliche und gesellschaftliche Verletzungen in organisch wirkende Installationen, die zwischen Anziehung und Abstoßung oszillieren und die Grenzen des Erträglichen ausloten.

Auch historische Positionen erhalten im Ausstellungskontext neue Aktualität. Jürgen Klauke hinterfragt bereits in den frühen 1970er-Jahren starre Vorstellungen geschlechtlicher Identität und macht den eigenen Körper zum Experimentierfeld gesellschaftlicher Zuschreibungen. Gilbert & George setzen den exzessiven Kontrollverlust als künstlerische Strategie ein, während Douglas Gordon die emotionale Wirkung filmischer Musik von ihrem ursprünglichen Bild löst und so die Mechanismen psychologischer Spannung offenlegt.

Dass nahezu alle Werke aus der Sammlung des Kunstmuseum Wolfsburg stammen, verleiht der Ausstellung zusätzliche Geschlossenheit. Sie präsentiert keine exemplarische Übersicht internationaler Gegenwartskunst, sondern zeigt, wie sich innerhalb einer Sammlung über Jahrzehnte hinweg thematische Linien entwickeln lassen. Zugleich werden mehrere Neuerwerbungen erstmals in diesen Zusammenhang eingebunden und erweitern den Bestand um aktuelle Positionen.

On Nervous Grounds versteht Emotionen weder als private Befindlichkeiten noch als bloße Reaktion auf äußere Ereignisse. Die Ausstellung macht deutlich, dass Gefühle gesellschaftlich geformt werden, politische Wirklichkeit mitprägen und selbst zum Gegenstand künstlerischer Reflexion werden können. Gerade darin liegt ihre Stärke: Sie sucht keine einfachen Antworten auf die Nervosität der Gegenwart, sondern eröffnet Räume, in denen sich Unsicherheit, Empathie und Ambivalenz als produktive Formen des Nachdenkens erfahren lassen.

kunstmuseum.de

 
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Wenn Sammlungen ins Gespräch kommen