Zwischen Trauma und Mythos. Alina Kleytman im Kunstverein Friedrichshafen
Mit TRIGGER WARNING präsentiert der Kunstverein Friedrichshafen die erste institutionelle Einzelausstellung der ukrainischen Künstlerin Alina Kleytman in Deutschland. Die Ausstellung (bis 30.08.2026) versammelt neue skulpturale Installationen und Videoarbeiten, die sich mit den Folgen von Krieg, Gewalt und kollektiver Erinnerung auseinandersetzen. Dabei verzichtet Kleytman auf dokumentarische Distanz. Stattdessen entwickelt sie eine Bildsprache, in der politische Realität, körperliche Erfahrung und symbolische Überhöhung untrennbar miteinander verschmelzen.
Die 1991 in Charkiw geborene Künstlerin arbeitet an der Schnittstelle von Skulptur, Performance und Video. Ihre Werke entstehen aus der unmittelbaren Erfahrung eines Landes, das seit Jahren vom Krieg geprägt ist. Doch Kleytman versteht ihre Arbeiten nicht als Chronik konkreter Ereignisse. Vielmehr untersucht sie die psychologischen und gesellschaftlichen Mechanismen, die Gewalt hervorbringt und dauerhaft in Körpern, Bildern und Erinnerungen verankert.
Zentral für ihre künstlerische Praxis ist der von ihr geprägte Begriff des hysterical realism. Dahinter steht die Vorstellung, dass sich eine von Krieg, medialer Überreizung und moralischen Widersprüchen geprägte Gegenwart nicht mit den Mitteln nüchterner Dokumentation erfassen lässt. Statt realistischer Abbildung setzt Kleytman auf Übersteigerung, groteske Bildfindungen und emotionale Verdichtung. Humor, Begehren, Ekel und Angst stehen dabei nicht nebeneinander, sondern bilden ein komplexes Geflecht, das die Ambivalenz gegenwärtiger Erfahrungen sichtbar macht.
Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen neu entwickelte skulpturale Arbeiten, deren hybride Körperformen zwischen Mensch und Tier oszillieren. Sie wirken gleichermaßen verletzlich und bedrohlich, sinnlich und verstörend. Materialien, die an Bodybags, Schutzvorrichtungen oder medizinische Notversorgung erinnern, verweisen auf den Krieg, ohne ihn illustrativ darzustellen. Aus ihnen entstehen Figuren, die weniger individuelle Schicksale verkörpern als psychische Zustände – Fragmente einer Wirklichkeit, in der sich Verletzlichkeit und Aggression gegenseitig durchdringen.
Eine zentrale Position nimmt die Skulptur Close your eyes and open your mouth ein. Sie bewegt sich zwischen Monument und Ruine und verweigert eine eindeutige Lesbarkeit. Die Arbeit verdichtet Gefühle von Ohnmacht, Angst und Widerstand zu einer körperlich erfahrbaren Präsenz und macht deutlich, wie tief sich Gewalt in kollektive Vorstellungswelten einschreibt.
Ergänzt wird die Ausstellung durch die Videoarbeiten Are u tired?, Thank you, Daddy! und Cradle of Democracy. Auch hier richtet sich der Blick weniger auf konkrete Kriegsszenen als auf die Erfahrung permanenter Bedrohung. Grenzen, Territorien und politische Macht erscheinen nicht als abstrakte Kategorien, sondern als Kräfte, die das individuelle Empfinden nachhaltig verändern. Die filmischen Arbeiten erweitern den skulpturalen Parcours um eine zeitliche Dimension und führen die Besucherinnen und Besucher durch emotionale Zustände, die zwischen Erschöpfung, Ironie und latentem Schrecken oszillieren.
Bemerkenswert ist, dass Kleytman bewusst keinen geschützten Reflexionsraum anbietet. Der Titel TRIGGER WARNING spielt zwar auf bekannte Warnhinweise an, löst deren Versprechen eines sicheren Abstands jedoch nicht ein. Vielmehr konfrontiert die Ausstellung ihr Publikum mit einer Realität, die sich weder entschärfen noch ästhetisch neutralisieren lässt. Die Werke fordern dazu auf, die eigene Position gegenüber Bildern von Gewalt und deren medialer Vermittlung zu hinterfragen, ohne einfache moralische Antworten bereitzustellen.
Gerade darin liegt die Stärke der Ausstellung. Kleytmans Arbeiten bewegen sich souverän zwischen persönlicher Erfahrung und universellen Bildwelten. Mythologische Motive treffen auf zeitgenössische Symbolik, groteske Körper auf politische Analyse. Aus dieser Verbindung entsteht eine vielschichtige künstlerische Sprache, die den Krieg nicht illustriert, sondern seine langfristigen emotionalen und kulturellen Folgen sichtbar macht.
Mit TRIGGER WARNING setzt der Kunstverein Friedrichshafen ein deutliches Zeichen für eine junge künstlerische Position, die den gegenwärtigen Krieg in der Ukraine nicht allein als geopolitisches Ereignis begreift, sondern als tiefgreifende Veränderung menschlicher Wahrnehmung. Die Ausstellung zeigt eindrucksvoll, dass zeitgenössische Kunst dort ihre größte Kraft entfaltet, wo sie keine Distanz schafft, sondern den Blick auf eine Wirklichkeit richtet, die sich jeder einfachen Einordnung entzieht.