Heimat ist mehr als ein Ort – Die Kunst des Ankommens

 

Was macht einen Ort zur Heimat? Sind es vertraute Landschaften, gemeinsame Erinnerungen oder die Menschen, mit denen wir uns verbunden fühlen? Mit der Ausstellung Tell Me Where Home Is widmet sich das Kunstmuseum Wolfsburg einem Begriff, der gleichermaßen persönliche Sehnsüchte und gesellschaftliche Konflikte berührt. Rund 160 Werke von 61 internationalen Künstlerinnen und Künstlern untersuchen, wie Heimat entsteht, verloren geht und unter veränderten Lebensbedingungen neu definiert werden kann. Die von Uta Ruhkamp kuratierte Ausstellung ist bis zum 17. Januar 2027 zu sehen.

Der Ausgangspunkt ist eine Gegenwart, in der Mobilität und Migration das gesellschaftliche Zusammenleben zunehmend prägen. Während manche Menschen ihren Lebensmittelpunkt freiwillig verlagern und unterschiedliche kulturelle Zugehörigkeiten miteinander verbinden, sind andere durch Krieg, politische Verfolgung, wirtschaftliche Not oder die Folgen des Klimawandels gezwungen, ihre Herkunftsorte zu verlassen. Heimat erscheint unter diesen Bedingungen weniger als unveränderlicher geografischer Bezugspunkt denn als ein Geflecht aus Beziehungen, Erinnerungen, kulturellen Prägungen und individuellen Erfahrungen.

Dabei ist der Begriff selbst keineswegs unproblematisch. Insbesondere in Deutschland ist Heimat historisch und politisch aufgeladen. Vorstellungen kultureller Einheit und nationaler Identität stehen neben dem Bedürfnis nach Sicherheit, Vertrautheit und Zugehörigkeit. Tell Me Where Home Is greift diese Widersprüche auf und stellt ihnen unterschiedliche künstlerische Perspektiven gegenüber. Statt Heimat als feststehende Kategorie zu behandeln, untersucht die Ausstellung ihre Veränderlichkeit und fragt, wie sich Zugehörigkeit in pluralistischen Gesellschaften gestalten lässt.

Die Präsentation gliedert sich in sechs miteinander verbundene Themenbereiche, die von Heimatverlust und Sehnsucht über individuelle Rückzugsorte bis zu neuen gemeinschaftlichen Formen des Zusammenlebens reichen. Malerei, Fotografie, Skulptur, Installation, Video und Performance eröffnen dabei unterschiedliche Zugänge zu einem Thema, das sich einfachen Definitionen entzieht.

Wie eng die Möglichkeit gesellschaftlicher Teilhabe mit staatlichen Regelungen verbunden ist, verdeutlicht Alfredo Jaar in seiner Arbeit One Million German Passports. Der Künstler arrangiert eine Million deutsche Reisepässe zu einem monumentalen Block und verweist damit auf die Aufnahme von Geflüchteten aus Syrien in Deutschland. Das Dokument, das gewöhnlich als selbstverständlicher Nachweis nationaler Zugehörigkeit erscheint, wird zum Sinnbild politischer Privilegien und ungleicher Bewegungsfreiheit. Die Arbeit macht sichtbar, dass Heimat nicht allein durch emotionale Bindungen entsteht, sondern auch von rechtlicher Anerkennung und gesellschaftlichem Zugang abhängt.

Einen anderen Blick auf Flucht und Migration entwickelt Coco Olakunle. Ihre fotografischen Porträts zeigen Menschen, die unter schwierigen Bedingungen in Geflüchtetenlagern leben. Anstelle einer Darstellung, die sich ausschließlich auf Verlust und Bedürftigkeit konzentriert, rückt Olakunle die Individualität der Porträtierten in den Vordergrund. Ihre Arbeiten hinterfragen damit verbreitete visuelle Muster, in denen geflüchtete Menschen häufig auf ihre Lebensumstände reduziert werden.

Auch Tracey Snelling beschäftigt sich mit prekären Wohnverhältnissen. Ihre Installation One Thousand Shacks versammelt zahlreiche improvisierte Behausungen zu einer raumgreifenden Struktur. Die Arbeit verweist auf die Lebensbedingungen jener Menschen, für die ein sicherer Wohnort keineswegs selbstverständlich ist. Zugleich thematisiert sie die Fähigkeit, selbst unter instabilen Bedingungen Räume des Alltags und der Zugehörigkeit zu schaffen.

Dass Heimat nicht zwangsläufig an nationale oder territoriale Grenzen gebunden sein muss, zeigen weitere künstlerische Positionen. Ishita Chakraborty entwirft mit unterschiedlich gefärbten Pilzformen aus Ton eine Vorstellung Europas, die kulturelle Vielfalt und gesellschaftliche Teilhabe in den Mittelpunkt stellt. Die organischen Formen werden zum Gegenbild starrer Zugehörigkeitsvorstellungen und verweisen auf die Möglichkeit eines Zusammenlebens, das Unterschiede nicht als Hindernis begreift.

Diana Scherer wiederum nähert sich dem Thema über natürliche Wachstumsprozesse. Für die Ausstellung entwickelte sie eine Arbeit aus gezielt gelenkten Pflanzenwurzeln, die sich zu einem komplexen Geflecht verbinden. Das Wachstum erfolgt weniger in die Tiefe als in die Breite und lässt sich als bildhafte Entsprechung gegenwärtiger Lebensformen verstehen, in denen Menschen Beziehungen über geografische und kulturelle Grenzen hinweg aufbauen. Verwurzelung erscheint hier nicht als Bindung an einen einzigen Ursprung, sondern als fortwährender Prozess der Vernetzung.

Diese Vorstellung einer beweglichen Heimat durchzieht zahlreiche Arbeiten der Ausstellung. Für manche Künstlerinnen und Künstler liegt Zugehörigkeit in der eigenen Körperlichkeit, für andere in familiären Beziehungen, Sprache oder kulturellen Erinnerungen. Positionen wie jene von Kader Attia und Shirin Neshat beschäftigen sich mit Erfahrungen zwischen unterschiedlichen kulturellen Kontexten. Tiffany Chung und Anna Ehrenstein richten den Blick auf innere Vorstellungsräume, während Yael Bartana, Sky Hopinka und Abeer Seikaly Konzepte von Heimat untersuchen, die nicht mehr zwingend an einen konkreten Ort gebunden sind.

Damit erweitert sich die Frage nach Heimat um eine grundlegende Überlegung: Muss Zugehörigkeit überhaupt geografisch definiert werden? In einer digital vernetzten Welt können soziale Beziehungen über große Entfernungen bestehen bleiben. Sprache, Musik, religiöse Praktiken oder gemeinsame Erinnerungen schaffen Verbindungen, die unabhängig vom jeweiligen Aufenthaltsort fortbestehen. Zugleich macht die Ausstellung deutlich, dass diese Möglichkeiten nicht allen Menschen gleichermaßen offenstehen. Zwischen freiwilliger Mobilität und erzwungener Migration liegen erhebliche soziale, wirtschaftliche und politische Unterschiede.

Eine besondere Rolle spielt auch die räumliche Gestaltung der Ausstellung. Auf rund 2.000 Quadratmetern wird die große Halle des Kunstmuseum Wolfsburg zu einem offenen Begegnungsraum. Die eigens entwickelte Ausstellungsarchitektur greift den ursprünglichen Gedanken der Halle als öffentlicher Piazza auf. Der Museumsraum soll damit nicht nur Kunstwerke präsentieren, sondern zugleich einen Ort des Austauschs schaffen. Die Architektur übersetzt den thematischen Ansatz der Ausstellung in eine räumliche Struktur, die Begegnung und unterschiedliche Perspektiven ermöglicht.

Der interdisziplinäre Charakter des Projekts reicht über die künstlerischen Positionen hinaus. In Zusammenarbeit mit der Abteilung Internationale Urbanistik und Entwerfen der Universität Stuttgart sowie dem Institut für Zeitgeschichte und Stadtpräsentation in Wolfsburg werden globale Entwicklungen mit lokalen Erfahrungen verbunden. Ein international besetzter wissenschaftlicher Beirat begleitete die Konzeption. Die begleitende Publikation erweitert die künstlerischen Fragestellungen um Beiträge aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen.

Ergänzt wird die Hauptausstellung durch Home Beyond Places. Perspectives of the Young Generation, die bis zum 22. November 2026 in der Museumslounge zu sehen ist. Sechs künstlerische Positionen beschäftigen sich dort mit persönlichen Erfahrungen des Aufbruchs und Ankommens, mit familiären Erinnerungen und selbst gewählten Identitäten. Die Präsentation erweitert das Thema um Perspektiven einer jüngeren Generation, für die kulturelle Mehrfachzugehörigkeit und wechselnde Lebensorte häufig selbstverständliche Bestandteile der eigenen Biografie sind.

Die besondere Herausforderung von Tell Me Where Home Is liegt in der enormen Bandbreite des Themas. Heimat kann Geborgenheit bedeuten, aber ebenso Ausschluss und Verlust. Sie kann sich auf konkrete Orte beziehen oder in sozialen Beziehungen, Erinnerungen und kulturellen Praktiken entstehen. Die Ausstellung versucht nicht, diese unterschiedlichen Erfahrungen auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Vielmehr macht sie die Widersprüche sichtbar, die den Begriff prägen.

Gerade darin liegt die Relevanz des Projekts. Das Kunstmuseum Wolfsburg betrachtet Heimat nicht als nostalgische Vorstellung einer unveränderlichen Vergangenheit, sondern als gesellschaftlichen Prozess, der immer wieder neu ausgehandelt wird. Die versammelten künstlerischen Positionen zeigen, dass Zugehörigkeit weder selbstverständlich noch ausschließlich an Herkunft gebunden ist. Tell Me Where Home Is eröffnet damit einen differenzierten Blick auf eine zentrale Frage unserer Gegenwart: Wie können Menschen unter unterschiedlichen Voraussetzungen Orte, Beziehungen und Gemeinschaften schaffen, in denen sie sich zu Hause fühlen?

kunstmuseum.de

 
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