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Die Akzeptanz von Chaos und Nichtwissen - Ein Gespräch mit der Künstlerin Ina Gerken

Die Akzeptanz von Chaos und Nichtwissen - Ein Gespräch mit der Künstlerin Ina Gerken

Ina Gerken, geboren 1987 in Speyer, hat von 2014 bis 2016 an der Kunstakademie Düsseldorf bei Prof. Katharina Grosse studiert. Zuvor war Sie von 2007 bis 2013 in der Klasse bei Prof. Winfried Virnich an der Kunsthochschule Mainz. Die Meisterschülerin von Katharina Grosse ist u.a. Trägerin des Silkscreen Grant Awards 2017/18 der Lepsien Art Foundation. Sie lebt und arbeitet als freischaffende Künstlerin in Düsseldorf. Im April 2018 haben wir sie in ihrem Studio besucht.

Wann hast Du angefangen als Künstlerin zu arbeiten und warum?

Dafür gab es keinen richtigen Startpunkt in diesem Sinne; vielmehr war es ein Weg dorthin. Als Kind habe ich schon immer gerne gezeichnet und gemalt, aber ich wusste eigentlich nie was ich später einmal werden will. Irgendwann merkte ich allerdings, dass es in mir einen Drang und eine Notwendigkeit gab, künstlerisch zu arbeiten, die sich nicht einfach ignorieren ließen. Das war kurz vor meinem Wechsel an die Kunstakademie Düsseldorf, vor etwa fünf Jahren. Mit diesem Schritt war die Enscheidung als Künstlerin arbeiten zu wollen, getroffen, wenn auch das entsprechende Selbstverständnis wohl erst mit Beendigung des Studiums eingesetzt hat.

Wie war Dein Weg zu dem, was Du heute künstlerisch machst?

Schon bevor ich Kunst studiert habe, habe ich eigentlich immer gezeichnet und gemalt. In meiner Zeit an der Akademie habe ich dann nur noch gemalt und das hat sich so durchgezogen, wobei es in meinen Arbeiten heute auch wieder eine zeichnerische Komponente gibt. Ich habe also eigentlich nie etwas anderes ausprobiert, hatte aber auch kein Verlangen danach.

Wer oder was hat Dich beeinflusst?

Ich bin in einem Dorf in relativ konservativen Verhältnissen aufgewachsen. Mein Onkel war allerdings auch Maler und in meinem Elternhaus war ich umgeben von großformatigen, abstrakten Bildern, die ich stets bewundert habe. Im Nachhinen denke ich, dass diese mich auf jeden Fall in meinem Zugang zur Malerei und der Lust an Farbe beeinflusst haben.

Du hast 2016 an der Kunstakademie Düsseldorf bei Katharina Grosse Deinen Abschluss gemacht. Zuvor hast Du von 2007 bis 2014 an der Kunsthochschule Mainz studiert. Inwieweit haben Katharina Grosse und Winfrid Virnich Dich und Deine Arbeiten geprägt? Welche Unterschiede siehst Du zwischen Düsseldorf und Mainz?

Die Kunstakademie Düsseldorf hat mich vor allem erstmal schockiert. Die Energie, die in der Akademie herrscht, habe ich einerseits als einzigartig und besonders, gleichzeitig aber auch als konkurrenzbehaftet und einschüchternd empfunden. Die Kunsthochschule in Mainz war natürlich viel kleiner und weniger renommiert – dort herrschte ein komplett anderes Klima. In der Mainzer Klasse von Winfrid Virnich wurde mir ein hohes Maß an Sensibilität gegenüber Malerei und dem Schauen vermittelt. In Düsseldorf hingegen stand für mich dann eher die Haltung gegenüber der eigenen Arbeit im Vordergrund. Katharina Grosse hatte zum Teil ungewöhnliche Ansätze, die einen neuen frischen Blick auf die eigene Arbeit ermöglichten. Der Wechsel nach Düsseldorf hat auf jeden Fall starke Auswirkungen auf meine Arbeit gehabt, die sicher notwendig waren. Trotzdem war es gut und wichtig für mich, beide Lehren, in Mainz und in Düsseldorf, erfahren zu dürfen.

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Welches Anliegen verfolgst Du mit Deiner Kunst? Was möchtest Du ausdrücken?

Generell möchte ich mich natürlich durch Malerei ausdrücken, wobei ich dabei aber keinen bestimmten Ausdruck anstrebe. Dazu müsste ich mir ja vorher überlegen, welche Wirkung das Bild später haben soll und das liegt mir fern. Da ich ohne Konzept und ohne Vorskizzen arbeite, ist es vielmehr so, dass ich einfach mache und danach sehe was da ist. Mein Anliegen besteht wohl am ehesten darin: Das Nichtwissen, die Hilflosigkeit und das Chaos zu akzeptieren, eine eigene Ordnung zu finden und darauf zu vertrauen, dass da am Ende ein Bild ist. Das hat für mich viel mit dem menschlichen Dasein an sich zu tun.

Welche Techniken und Materialien bevorzugst Du?

Momentan arbeite ich mit Acrylfarben, Polyesterleinwand und Japanpapier, das ich in die  Arbeiten mit einbaue. Ich mag das seltsam synthetische Weiß der Polyesterleinwand und ihre glatte Oberfläche, die sich für meine monotypische Arbeitsweise besonders gut eignet. Zusammen mit der Acrylfarbe und dem Japanpapier ergibt sich ein eher trockener Eindruck von Farbe (im Gegensatz zur fetten Ölfarbe), der den zeichnerischen Anteil in den Arbeiten besser sichtbar werden lässt.

Gibt es ein Werk, in das Du besonders viel Energie investiert hast?

Für meinen Abschluss an der Kunstakademie Düsseldorf, habe ich eine große Wandarbeit gemacht, für die ich mir bewusst einen Rahmen von drei Tagen gesetzt habe. In diese Arbeit habe ich auf jeden Fall sehr viel Energie investiert.

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Wenn Dich ein Kind fragt, was Du künstlerisch machst, was sagst Du?

Ich würde dem Kind meine Bilder zeigen.

Sammelst Du Arbeiten von anderen Künstlern?

Unter Freundinnen und Freunden sowie Kollegen und Kolleginnen tauschen wir gerne Arbeiten. In meinem Wohnzimmer hängen momentan zum Beispiel zwei sehr schöne Arbeiten von Thomas Wachholz und Struan Teague.

Wie schätzt Du Kunst als Investment ein?

Darüber habe ich mir bisher keine Gedanken gemacht. Ich stehe ja auf der anderen Seite.

 Ina Gerken, Untitled (Blank Spots 4), Acrylic and Japanesepaper on Polyester Canvas, 100x80 cm, 2018 (Photo: A.R.)

Ina Gerken, Untitled (Blank Spots 4), Acrylic and Japanesepaper on Polyester Canvas, 100x80 cm, 2018 (Photo: A.R.)

 Ina Gerken, Untitled (Blank Spots 3), Acrylic and Japanesepaper on Polyester Canvas, 100x80 cm, 2018 (Photo: A.R.)

Ina Gerken, Untitled (Blank Spots 3), Acrylic and Japanesepaper on Polyester Canvas, 100x80 cm, 2018 (Photo: A.R.)

Du bist Jahrgang 1987 und stehst am Anfang Deiner künstlerischen Schaffensphase. Wie sind Deine bisherigen Erfahrungen? Was rätst Du anderen jungen Künstlern und Absolventen?

Allzuviel kann ich zu diesem Thema bisher noch nicht sagen. Generell würde ich raten, sich zuallererst einmal auf seine eigene künstlerische Arbeit zu konzentrieren.

Inwieweit verändern die Digitalisierung und die Möglichkeiten der Selbstvermarktung den Kunstmarkt? Hat das "klassische" Galerie-Modell ausgedient?

Ich glaube nicht, dass das klassische Galerie-Modell ausgedient hat. Sicher eröffnet die Selbstvermarktung, insbesondere über Social-Media, ein neues Feld, in dem man selbst aktiver sein kann, was sicherlich auch eine Veränderung der Galerienlandschaft bewirkt. Trotzdem möchte ich meine Energie weiterhin vor allem für meine Arbeit im Atelier nutzen. Als Künstlerin ist es auch weiterhin mein größtes Interesse, echte Bilder in echten Räumen zu zeigen.

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Vielen Dank für das Gespräch, Ina!



Text & Produktion: Christoph Blank
Fotos: Jennifer Rumbach


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