Keine Gnade mit dem Bild – Anna Nero über Spannung, Sinnlichkeit und Malerei. Ein Gespräch mit Sarah Maria Lillig

 

Anna Nero ist eine bildende Künstlerin, die in ihrer Kunst die Beziehung vom Menschen zu den Dingen reflektiert. Ihre Kunst beschreibt sie als etwas Menschengemachtes, das näher am Künstlichen als am Natürlichen dran ist. Hierbei fasziniert Nero, die Tiefgründigkeit in Banalem zu entdecken und mit Kontrasten zu spielen. Sinnlichkeit und Sexualität sind zentrale Motive in ihren Arbeiten, die sich oft aber nicht immer in Objekten verdinglichen und auch nicht selten ein Eigenleben entwickeln. Sie führt neben ihrer eigenen Kunst zusammen mit ihren Kollegen Robert Schittko und Marcel Walldorf die Ausstellungsplattform MARS, auf welcher sie selbst für die Sichtbarkeit neuer, spannender Künstler:innen sorgt.

Sarah Maria Lillig: Deine letzte Einzelausstellung hieß Surface Tension, ein vielschichtiger Titel. Magst du erzählen, was er für dich bedeutet? Liegt die Spannung eher auf der Bildoberfläche selbst oder eher in etwas, das sich darunter staut und gerade noch gehalten wird?

Anna Nero: Oberflächenspannung ist ja ein Begriff aus Chemie und Physik. Das Bild als Labor oder Versuch hat mich schon immer sehr interessiert. Viele Prozesse laufen ähnlich ab, produzieren aber unterschiedliche Ergebnisse. Die unterschiedlichen Farbaufträge und Oberflächen auf meinen Bildern erzeugen Spannungen, Anziehung, aber auch Konflikte.

Sarah Maria Lillig: Im Begleittext deiner vergangenen Schau No Tenderness in Madrid war von einer Stille die Rede, die jedem Bildanfang vorausgeht, einem Moment vor der Farbe, vor der Geste. Wie sieht dieser Moment bei dir aus? Ich würde gern verstehen, was im Atelier passiert, bevor der erste Strich fällt.

Anna Nero: Das ist natürlich schwer zu beschreiben. Man denke an den Moment der Zeugung oder an die Big-Bang-Theorie. Ich fange immer irgendwie an: eine Farbe oder ein Raster, Hauptsache irgendwas. Ich will keine Angst haben, ich will der Zaghaftigkeit keinen Raum lassen. No Tenderness stammt aus einem Lied von The Bravery. Der Text geht so: „There will be no tenderness, no tenderness. I have no mercy for you, you have no mercy for me, the only thing that I ask, love me mercilessly.“ Ich will am Anfang keine Gnade mit dem Bild haben. Aber am Ende habe ich sie natürlich doch.

Sarah Maria Lillig: In den kommenden Wochen bist du gleich zweimal unterwegs, mit einer Gruppenausstellung in Bonn und einer Soloshow bei Walter Storms in München, dort „im kleinen Raum“. Innerhalb deiner Bilder arbeitest du ja selbst oft mit klar abgesteckten Räumen, in denen dann etwas kippt oder bricht. Setzt sich dieses Denken über Rahmen und Kontext auch fort, wenn du weißt, dass deine Arbeiten neben anderen Handschriften stehen, oder wenn du einen Raum ganz für dich allein hast?

Anna Nero: Wenn ich einen Raum für mich allein habe, bin ich oft versucht, ihn komplett als Environment einzunehmen, sofern das geht. Das macht mir immer besonders viel Spaß. Dann kombiniere ich Bilder, Keramiken, 3D-Prints und Wandgestaltung. Aber ich stelle meine Arbeiten auch gern in einen Dialog mit Kolleg:innen.

Sarah Maria Lillig: Deine Arbeiten wurden zuletzt im Zusammenhang mit einer erotischen Spannung zwischen Menschen und Objekten beschrieben, mit dem Verhältnis von Sakralem und Profanem. Wie kommt ein Gegenstand bei dir eigentlich zu diesem Ladungspotenzial? Was macht ein Ding im Bild plötzlich so begehrenswert oder aufgeladen?

Anna Nero: Was Dinge für jeden Einzelnen attraktiv macht, ist natürlich sehr individuell. In allen Religionen ist es ganz klar vorgeschrieben: Magische Bilder und Objekte haben bestimmte rituelle Funktionen. Wir leben in einer Zeit, in der es sehr viele sehr schöne, glatte Objekte gibt. Gleichzeitig bekommen Erotik und Sex etwas Steriles und Entfremdetes, obwohl es ein Überangebot erotischer Bilder gibt. Vielleicht betrachte ich Objekte als Proxy (Stellvertreter) für Körper. Ich male generell Objekte, die ich gern selbst anfassen oder besitzen würde. Aber sie entwickeln dann ein Eigenleben auf der Leinwand, schälen sich aus der Farbe heraus und interagieren mit den anderen Elementen des Bildes.

Sarah Maria Lillig: In deinen Bildern und Keramiken lassen sich oft ironische und sinnliche Elemente nebeneinander finden, das ist eine seltene Kombination. Wie gelingt es dir, beide Register in einem Werk zusammenzuhalten, ohne dass eines das andere überstimmt?

Anna Nero: Man muss einfach darauf vertrauen, dass die eigene Persönlichkeit sich in der Arbeit wiederfindet, dann klappt das. Ich mag, dass die Objekte auf meinen Bildern so ambivalent sind. Man muss Widersprüche auch einfach aushalten können. Es war mir auch schon immer wichtig, dass meine Arbeit über die sehr trockene Tradition abstrakter Malerei hinausgeht und etwas Humorvolles und Albernes hat. Auch Quadrate und Striche können Emotionen transportieren. Das habe ich vor Jahren zum ersten Mal bei Mary Heilman gesehen und verstanden.

Sarah Maria Lillig: Du hast mit MARS eine eigene Ausstellungsplattform in Frankfurt gegründet. Was hat sich für deinen Blick auf die eigene Malerei verändert, seit du auch von der kuratorischen Seite auf Kunst schaust?

Anna Nero: Die Ausstellungsplattform hat sich irgendwie selbst gegründet. Ich wollte so etwas schon immer machen, und plötzlich ergab es sich wie von selbst. Das wäre aber auch alles nicht möglich ohne meine zwei wundervollen Kollegen Robert Schittko und Marcel Walldorf. Wir machen alles zusammen und halten uns gegenseitig den Rücken frei. Wir kuratieren gar nicht so viel, wir laden einfach Positionen ein, die wir spannend finden, und der Rest ergibt sich von allein. So hält man sein Netzwerk lebendig und wird auch zu anderen Ausstellungen im In- und Ausland eingeladen.

Sarah Maria Lillig: Du unterrichtest ja auch, unter zuletzt als Gastprofessorin in Halle und Mainz. Verändert das Gespräch mit Studierenden über Malerei manchmal auch deine eigene Arbeit im Atelier?

Anna Nero: Ganz bestimmt! Ich bin super gern in der Lehre und ich bleibe durch meine Studis in Verbindung mit aktuellen Diskursen in Kunst und Politik. Besonders wichtig finde ich es, den Anschluss an aktuelle Medien und Technologien zu behalten. Mit manchen ehemaligen Studierenden habe ich eine Freundschaft entwickelt, und einige haben schon im MARS ausgestellt.

Sarah Maria Lillig: In Moskau geboren kamst du ja als Kind mit deiner Familie nach Frankfurt, sowohl deine Mutter als auch Großmutter sind ebenfalls Künstlerinnen, dein Vater Grafiker. Taucht diese Herkunft für dich in der Bildsprache auf, oder ist sie eher ein Hintergrund, der bewusst nicht ins Bild drängt?

Anna Nero: Als ich letztens eine Lithografie-Edition für die griffelkunst gemacht habe, fiel mir auf, wie viel von dieser klassischen sowjetischen Grafiklehre meines Vaters eigentlich in mir steckt. Ich habe auf jeden Fall viel von meiner Familie gelernt, vorallem, was die Technik betrifft, aber irgendwann meinen eigenen Weg gefunden. Ich werde übrigens in ein paar Wochen selbst Mutter – hoffentlich wird mein Sohn Anwalt oder Steuerberater!

Seit dem 19. September läuft die Ausstellung Zeitguised im Künstlerforum Bonn, die neben sieben anderen Künstlerpositionen auch die Arbeiten von Anna Nero präsentiert. Die Ausstellung kann bis zum 18. Oktober 2026 besucht werden. Am 14.11.2026 eröffnet in der Galerie Stadt Sindelfingen die Ausstellung murals, bei der Anna Nero eine großflächige Wandarbeit zeigt. Weitere teilnehmende Künstlerinnen und Künstler sind Karim Boumjimar, Philipp Haager, Sophie von Hellermann, Mehmet & Kazim, Rachel von Morgenstern, Paulina Semkowicz und Fabian Treiber.

annanero.com

 
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