Ferne Nähe – Lyu Yanxiang über Identität, Begehren und den Blick des Anderen

 

Mit „Die Ferne Nähe“ stellt die Galerie Voss in Düsseldorf erstmals das Werk des chinesischen Malers Lyu Yanxiang in einer europäischen Einzelausstellung vor. Der 1984 in Dalian geborene, an der China Academy of Art in Hangzhou ausgebildete Künstler lebt und arbeitet heute in Peking. Seine Malerei kreist um Identität, Intimität und Begehren, vor allem aber um die Beziehungen zwischen Menschen und die Frage, wie sehr das eigene Selbst erst durch die Begegnung mit anderen Gestalt annimmt. Die von Heinz-Norbert Jocks kuratierte Ausstellung ist bis zum 17. Oktober 2026 zu sehen.

Damit richtet die Galerie zugleich den Blick auf einen Bereich chinesischer Gegenwartskunst, der in Europa bislang vergleichsweise wenig präsent ist. Während bestimmte Künstlergenerationen und insbesondere international oder in der Diaspora arbeitende Positionen längst Eingang in den westlichen Kunstbetrieb gefunden haben, sind jüngere Künstlerinnen und Künstler, die in China leben und ihre Praxis dort entwickeln, hier deutlich seltener zu sehen. „Die Ferne Nähe“ versteht sich auch als Versuch, diese Wahrnehmung zu erweitern.

Bei Lyu Yanxiang nimmt die Beschäftigung mit dem Selbst eine zentrale Rolle ein, bleibt jedoch nicht bei autobiografischer Befragung stehen. Seine Figuren treten als Einzelne, Paare oder Gruppen auf, beobachten und spiegeln einander, suchen Nähe oder verharren in Distanz. Beziehung erscheint dabei als ambivalenter Zustand: Menschen können einander körperlich oder emotional nahekommen und dennoch fremd bleiben. Der Blick des Gegenübers wird zum Medium der Selbsterkenntnis. Identität erscheint entsprechend nicht als feststehende Größe, sondern als etwas, das sich in Beziehungen, Erwartungen und wechselnden Rollen immer wieder verändert.

Diese Offenheit prägt auch die Bildräume. Lyu entwickelt keine abgeschlossenen Erzählungen, sondern Situationen, deren Vorgeschichte und Ausgang ungewiss bleiben. Schwimmbäder, Wasserflächen, Türen, Landschaften oder Sonnenuntergänge bilden Kulissen für Figuren, die warten, schauen oder einander begehren. Bisweilen erinnern die Kompositionen an Filmstills oder Bühnenbilder: Der dargestellte Moment scheint Teil einer größeren Handlung zu sein, die außerhalb des Bildes weiterläuft. Gerade weil diese Geschichte nicht vollständig erzählt wird, entsteht Raum für unterschiedliche Lesarten.

Die Motive entwickeln sich aus einem umfangreichen visuellen Reservoir. Eigene Fotografien, Zeichnungen, Reiseerfahrungen und Erinnerungen verbindet Lyu mit Referenzen aus Film, Literatur, Mythologie und Kunstgeschichte. Europäische Malereitraditionen, von Caravaggio bis zum Impressionismus, können dabei ebenso anklingen wie chinesische Symbole. Entscheidend ist weniger das Zitat selbst als dessen Verschiebung: Vertraute Motive werden aus ihren gewohnten Zusammenhängen gelöst und in neue Konstellationen überführt. So entsteht eine Malerei, die Wiedererkennbarkeit anbietet, eindeutige Bedeutungen aber zugleich unterläuft.

Besonders deutlich wird dieses Verfahren in Lyus Umgang mit queeren Themen. Der Künstler versteht Queerness als Bestandteil seiner Arbeit, ohne seine Malerei darauf festzulegen. Statt programmatischer Eindeutigkeit setzt er auf kulturelle Codes und subtile Veränderungen. Die Mandarinente, in China traditionell ein Sinnbild partnerschaftlicher Verbundenheit, wird bei ihm beispielsweise auf ein männliches Paar bezogen. Ein etabliertes Symbol erhält dadurch eine neue Bedeutung, in der persönliche Erfahrung und gesellschaftliche Konvention aufeinandertreffen.

Auch Narcissus von 2023 führt das Motiv der Spiegelung über die reine Selbstbetrachtung hinaus. Der Mythos wird zum Ausgangspunkt einer Untersuchung von Selbstbild, Begehren und Fremdwahrnehmung. Wer sich selbst betrachtet, begegnet dabei zugleich der Frage, was überhaupt als das Eigene und was als das Andere verstanden werden kann. Für Lyu bleibt Identität beweglich: Sie verändert sich abhängig von Situationen, Beziehungen und den Blicken anderer.

Gerade darin liegt eine interessante Spannung der Ausstellung. Ihre Themen – Körper, Intimität, Geschlecht, Freiheit und Zugehörigkeit – sind aus der internationalen Gegenwartskunst vertraut. Lyu formuliert sie jedoch aus einem anderen kulturellen und gesellschaftlichen Kontext heraus. Seine Arbeiten suchen dabei nicht vorrangig die direkte politische Konfrontation. Andeutung, Ironie und visuelle Verschiebung werden vielmehr zu Mitteln, mit denen individuelle Erfahrung und gesellschaftliche Wirklichkeit miteinander verbunden werden.

Der Ausstellungstitel „Die Ferne Nähe“ beschreibt diese Konstellation treffend. Nähe und Distanz sind bei Lyu keine Gegensätze, die sich gegenseitig ausschließen. Sie existieren gleichzeitig, zwischen den dargestellten Figuren ebenso wie zwischen Betrachter und Bild, zwischen chinesischen Bildtraditionen und westlicher Kunstgeschichte oder zwischen einer persönlichen Erfahrung und ihrer möglichen universellen Lesbarkeit.

Damit bietet die Ausstellung mehr als die europäische Premiere eines bislang hier kaum sichtbaren Künstlers. Sie eröffnet zugleich eine Perspektive auf jüngere chinesische Gegenwartskunst jenseits jener Positionen und Kategorien, die ihre westliche Rezeption lange bestimmt haben. Lyus Malerei setzt beim Individuum an, um über Beziehungen zu sprechen: über die Sehnsucht nach Verbindung und die Unmöglichkeit vollständiger Nähe, über Selbstbehauptung und Verletzlichkeit und darüber, wie sehr der Blick auf einen anderen Menschen immer auch den Blick auf uns selbst verändert.

galerievoss.de

 
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