Peter Heber – Gefahr, die vom Schmelzen kommt (Die Gegenwart des Uneindeutigen)

 

Peter Heber ist Maler und Zeichner. Er wurde 1956 in Süderbrarup, Schleswig-Holstein, geboren. Als Schüler von Gotthard Graubner, bei dem er unter anderem an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg studierte, übernahm er neben seiner künstlerischen Tätigkeit 1991/92 und 1995/96 Lehraufträge an der Universität Hamburg. 1997 erhielt er ein Arbeitsstipendium der Freien und Hansestadt Hamburg, 2000 folgte ein Stipendium des Landes Niedersachsen. Heute lebt und arbeitet Heber in Hannover. Seine klein- bis großformatigen Zeichnungen und Gemälde wurden in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen gezeigt und befinden sich in privaten wie öffentlichen Sammlungen, darunter das Sprengel Museum Hannover, die Sammlung des Städel Museums Frankfurt, die Gemäldesammlung der Hamburger Kunsthalle und das Städtische Museum Flensburg. Hebers malerisches und zeichnerisches Schaffen ist von der bewussten Konfrontation mit unbewusst ablaufenden Prozessen der Realität geprägt. Das Gesehene – darunter Werke zahlreicher Künstlerinnen und Künstler ebenso wie alltägliche Beobachtungen – fließt in seine Arbeit ein und lässt immer wieder Versatzstücke dieses Rezeptionsprozesses in seinen Bildern hervortreten.

Wenn es hingegen um die großen künstlerischen Gesten geht, mit denen etwa auf die Dringlichkeit des menschengemachten Klimawandels, auf Migration, die Folgen unseres Konsumverhaltens oder die Überlastung alltäglicher Infrastruktur aufmerksam gemacht wird, stehen häufig andere Ausdrucksformen im Vordergrund. Großangelegte Installationen, provokante Performances oder immersive, den gesamten Körper einbeziehende Erfahrungen scheinen in einer von Informationsüberfluss und schwer überschaubaren Zusammenhängen geprägten Zeit dort anzusetzen, wo traditionelle Medien wie etwa die Malerei nur bedingt in der Lage zu sein scheinen, deren Komplexität unmittelbar erfahrbar zu machen. Doch ist dem tatsächlich so?

Dieser Beitrag widmet sich der exemplarischen Betrachtung ausgewählter Werke Peter Hebers. Zugleich werden seine Arbeiten als Ausgangspunkt herangezogen, um sie in gegenwärtige Diskurse und Entwicklungen einzuordnen und mit aktuellen Fragestellungen zu konfrontieren: Kann ein einzelnes Gemälde, das sich darüber hinaus auch noch einer abstrakten Bildsprache widmet, womöglich mehr in sich aufnehmen und zum Nachdenken über komplexe globale Zusammenhänge anregen als eine gegenständliche Darstellung oder überbordende Installation? Kann Malerei trotz ihrer umfangreichen Geschichte, die bisweilen auch als Ballast empfunden werden mag, noch immer neue Kontraste und Brüche hervorbringen und auf diese Weise Zugänge zu den großen Themen unserer Zeit eröffnen? Und kann das Werk eines Künstlers wie Peter Heber dazu anregen, über jene etablierten Diskurse der abstrakten Malerei hinauszugehen und sie mit Bereichen zu verknüpfen, die zunächst fern erscheinen mögen?

Den Einstieg in dieses sicherlich als ambitioniert zu bezeichnende Vorhaben bildet daher ein Betrachtungsfeld, um das wir alle wissen, über das wir gegenwärtig immer wieder streiten und das dennoch von allergrößter Dringlichkeit ist.

Wie wir versuchen, die Natur zu bezwingen

Mit The Revenant inszenierte Alejandro González Iñárritu im Jahr 2015 den Menschen im existenziellen Kampf gegen eine überwältigende Natur. Der Film erschien als düstere, von Gewalt und Leid geprägte Variante des Superheldenkinos der 2010er-Jahre: ein Kino des nahezu unerschütterlichen Menschen, der selbst unter extremen Bedingungen immer wieder aufzustehen vermochte.

In Iñárritus neuem Film (2026) gelangt der Ölmagnat Digger Rockwell durch ausbeuterische Methoden kapitalistischer Großkonzerne zu immensem Reichtum. Jahrzehnte später sieht sich die Menschheit mit den Folgen eines solchen Handelns konfrontiert: Das Eis der Polarkappen schmilzt, gewaltige Flutereignisse bedrohen die Infrastruktur, die Menschheit bereitet sich auf eine bevorstehende Katastrophe vor. Ausgerechnet Rockwell soll nun dazu beitragen, eine lebenswerte Zukunft herbeizuführen. Der in den Trailern zu hörende Satz „Ich kann den Lauf der Natur nicht kontrollieren, das Narrativ allerdings schon“ bringt dabei eine Haltung auf den Punkt, die weit über die Filmhandlung hinausweist. Die Unumkehrbarkeit natürlicher Gesetzmäßigkeiten wird anerkannt, während zugleich der Versuch unternommen wird, zumindest ihre Wahrnehmung und Deutung zu kontrollieren. Diese Steuerung des Narrativs ist ein treffender Ausgangspunkt für die Betrachtung unserer Gegenwart. Während die einen weiterhin nicht wahrhaben wollen, dass menschliches Handeln und der ausbeuterische Umgang mit Ressourcen erhebliche Auswirkungen auf das Klima haben, werden andernorts selbst längst bekannte physikalische und infrastrukturelle Grenzen rhetorisch relativiert. Auch angesichts zunehmender Hitzeperioden erlebt die obligatorische Nostalgiefloskel „Aber früher hatten wir auch heiße Sommer“ regelmäßig eine neue Konjunktur.

Dabei fehlt es keineswegs an konkretem Wissen. Maßnahmen zur Reduktion von Emissionen, zum Ausbau erneuerbarer Energien, zur Entsiegelung urbaner Flächen oder zu einer grundlegenden Neuausrichtung der Mobilität werden seit Jahrzehnten diskutiert. Ebenso bekannt ist, dass die Verantwortung für den Ressourcenverbrauch gesellschaftlich höchst ungleich verteilt ist. Laut einer 2023 veröffentlichten Studie von Oxfam International verursachten die einkommensstärksten zehn Prozent der deutschen Bevölkerung im Jahr 2019 rund 28 Prozent der konsumbedingten CO₂-Emissionen; die ärmsten 50 Prozent kamen gemeinsam auf 27 Prozent.[1] Doch selbst dort, wo konkrete Zahlen vorliegen, folgt aus Wissen keineswegs zwangsläufig ein Umdenken. An die Stelle einer Diskussion über strukturelle Ungleichgewichte tritt nicht selten eine verkürzte Debatte über individuellen Verzicht, Neid oder vermeintlich erworbene Ansprüche. Dahinter verbirgt sich eine grundsätzlichere Frage: Wenn selbst die Benennung konkreter Fakten, Zahlen und Maßnahmen nicht automatisch zu einer veränderten Wahrnehmung führt – was kann dann noch weiterhelfen? Wenn das Konkrete allein nicht ausreicht, um Zusammenhänge von globaler Tragweite sichtbar, erfahrbar und vielleicht sogar verständlicher zu machen, könnte ausgerechnet die Konfrontation mit dem Abstrakten einen Zugang eröffnen, der ein tiefergehendes Verständnis der schwer überschaubaren Prozesse, ihrer Strukturen und Folgen ermöglicht.

Die Betrachtung eines Gemäldes wird die Klimakrise nicht lösen. Auch die Kunstproduktion selbst ist keineswegs frei von ökologischen Widersprüchen. Kunstwerke werden unter hohem Material- und Energieaufwand produziert, transportiert und unter klimatisch aufwendigen Bedingungen ausgestellt. Gleichzeitig gibt es umfangreiche Bestrebungen, Ausstellungen nachhaltiger zu planen, Materialien wiederzuverwenden und Produktionsprozesse grundsätzlich zu hinterfragen. Gerade die Biennale in Venedig führt jedoch die Widersprüche besonders deutlich vor Augen. Kunstwerke über die Klimakrise und den Ressourcenverbrauch treffen hier auf eine Stadt, die selbst unmittelbar vom steigenden Meeresspiegel und Hochwasser bedroht ist. Die Realität des Ortes scheint die künstlerische Vermittlung der Klimakrise damit beinahe zu überholen.[2]

Es bedarf jedoch nicht erst der Biennale, um auf künstlerische Auseinandersetzungen mit natürlichen Kräften zu stoßen. Auch im Œuvre Hebers finden sich Werke, die aus einer intensiven Beobachtung natürlicher Prozesse hervorgehen, ohne diese unmittelbar abzubilden. Seine Serie Die Gefahr, die vom Schmelzen kommt verweist bereits im Titel auf einen Vorgang, der zunächst fern und abstrakt erscheinen mag, dessen Folgen jedoch längst in unseren Alltag hineinreichen. Bevor diese Werkgruppe näher betrachtet wird, lohnt aber ein Blick auf Hebers grundsätzliche Arbeitsweise.

Ein ständiger Beobachter

Alltägliche Wahrnehmung ist häufig auf Effizienz ausgerichtet. Sie konzentriert sich auf das unmittelbar Relevante, ordnet Beobachtetes möglichst schnell in bekannte Kategorien ein und blendet aus, was sich einer eindeutigen Zuordnung entzieht. Heber setzt genau hier an. Man könnte ihn dabei als visuellen Transformator bezeichnen. Er überführt alltägliche Beobachtungen, unplanbare Prozesse und glückliche Zufälle in einen künstlerischen Vorgang, in dem nicht eine im Vorhinein festgelegte Aussage, sondern zunächst das entstehende Werk selbst im Mittelpunkt steht. Immer wieder verbindet er diese Vorgehensweise mit einer intensiven Auseinandersetzung mit den Arbeiten anderer Künstlerinnen und Künstler.

2017 beschäftigte sich Heber beispielsweise eingehend mit der Lithografie Confusion (1975) des amerikanischen Künstlers Mark Tobey. Tobey, der von Kritikern wie Clement Greenberg zu Lebzeiten als herausragender Techniker gewürdigt wurde, ist heute auch im Zusammenhang mit der Entwicklung jener Bildstrukturen zu betrachten, die später für Jackson Pollocks Drip-Paintings prägend wurden – auch wenn Greenberg und später unter anderem der Kunsthistoriker William Rubin einen direkten Einfluss Tobeys auf Pollock entschieden bestritten.

„I really wanted to smash form, to melt it in a more moving and dynamic way“[3], formulierte Tobey 1954. Die Aussage benennt ein zentrales Anliegen seines künstlerischen Schaffens. Mit dem „Zerschlagen“ der Form zielte Tobey auf die Auflösung konventioneller Begrenzungen denkbarer Formkonstruktionen. Seine Worte und die ihnen zugrunde liegenden Werke veranlassten Heber dazu, diese Auseinandersetzung mit den Mitteln seiner eigenen künstlerischen Praxis neu zu befragen.

Aus der Beschäftigung entstand eine umfangreiche Werkserie, in der Heber Tobeys Arbeit als Ausgangspunkt für Prozesse der Übermalung nutzte. Mit ölhaltiger Druckfarbe sowie Acryl- und Ölfarben legte er seinen eigenen Gestus über Tobeys feingliedrige, rhythmische Verdichtungen. Aus dieser Konfrontation entstand jedoch keine bloße Addition zweier künstlerischer Handschriften. Vielmehr wurde Tobeys Auseinandersetzung mit der Auflösung der Form in einen neuen, von Materialität, Bewegung und Zufall geprägten Prozess überführt. Heber versucht dabei nicht, das Beobachtete nachträglich mit einer vorgegebenen Bedeutung zu versehen. Er setzt sich und sein Werk vielmehr in ein unmittelbares Verhältnis zu den Eigenheiten eines Prozesses, dessen Verlauf sich seiner vollständigen Kontrolle entzieht. Zufall und Unplanbarkeit erscheinen damit nicht als Störungen des künstlerischen Vorgangs, sondern als dessen konstitutive Bestandteile. Die einzelnen Arbeiten halten jeweils einen Moment dieses dialogischen Prozesses fest und zeigen Spuren künstlerischer Anteilnahme, in denen Aneignung und Transformation untrennbar miteinander verbunden sind. Während Hebers Auseinandersetzung mit Tobey die Beschäftigung mit einem künstlerischen Vorbild verdeutlicht, stehen die Werke seiner Serie Die Gefahr, die vom Schmelzen kommt in einem unmittelbaren Verhältnis zur Gegenwart. Zwar wirken auch hier zahlreiche kunsthistorische Referenzen fort, entscheidend ist jedoch die Gleichzeitigkeit real stattfindender Vorgänge.

Hebers Ohne Titel (aus der Werkgruppe Die Gefahr, die vom Schmelzen kommt) von 2024 verdeutlicht diese Gleichzeitigkeit besonders anschaulich. Das 180 × 95 cm messende Hochformat eröffnet einen diffusen Bildraum, in dem einzelne malerische Partien auf der Leinwand platziert sind. Auf den ersten Blick entsteht der Eindruck stürzender Farbschwünge, die sich vom oberen Rand der Arbeit in Richtung Boden bewegen. Sie sind deutlich von Hebers Malgestus bestimmt, ohne durch klar gesetzte Umrisse scharf voneinander getrennt zu sein. Manche erscheinen vereinzelt, ohne isoliert zu wirken, andere treten – etwa im unteren Bereich – als kollektiver Dreiklang hervor. Sie alle fügen sich in einen mehrschichtigen Bildaufbau aus hellen und dunklen Bereichen ein, in dem sich unterschiedliche Beobachtungen und Wahrnehmungsebenen überlagern. Hebers Beschäftigung mit Leonardo da Vincis Wasserstudien und Caspar Wolfs Gebirgslandschaften spielt dabei ebenso eine Rolle und verweist auf die bereits seit Jahrhunderten bestehende Faszination des Menschen für natürliche Prozesse und Gegebenheiten. Von besonderer Bedeutung sind jedoch die Arbeiten des Schweizer Malers Ferdinand Hodler, insbesondere dessen Darstellungen aufsteigender und abstürzender Gebirgskletterer.

Hodlers Gemälde Absturz IV von 1894, ein 210 × 180 cm großes Format, zeigt den Moment, in dem zwei Kletterer in die Tiefe und damit in den sicheren Tod stürzen. Das Werk visualisiert nicht nur einen singulären Augenblick existenzieller Gefahr. Es verweist zugleich auf eine bis heute ungebrochene Faszination für das Bergsteigen, für das Überschreiten naturgegebener Grenzen und die damit verbundene Konfrontation mit Gefahr und Tod. Die Faszination des Gebirgskletterns gründet bis heute in der Erfahrung eines verdichteten Moments, in dem sich der Mensch unmittelbar im Spannungsfeld von Leben und Tod, Vergänglichkeit und Fortbestehen wiederfindet. Bleibt dieses Spannungsfeld im Alltag vielfach eine Wirklichkeit, die sich verdrängen lässt, solange sie lediglich als gedankliche Möglichkeit existiert, überführt Hodlers Gemälde sie in den Bereich des visuell Einsichtigen. Die stürzenden Kletterer konfrontieren die Betrachtenden mit einer Unmittelbarkeit von Leben und drohendem Tod, die außerhalb ihrer alltäglichen Erfahrungsräume liegt.

Eben diese Unmittelbarkeit greift Heber auf, überführt sie jedoch in ein Verhältnis von universeller Tragweite. In seinem Werk wird die Gefahr des individuellen Stürzens zu einer Gefahr, die alle Menschen betrifft. Die Gefahr, die vom Schmelzen kommt zeigt keinen konkreten Moment des Absturzes. Vielmehr verweisen die malerischen Spuren, die teilweise aus unbewusst ablaufenden Prozessen der Bildentstehung hervorgehen, auf eine Bedrohung, deren Folgen längst spürbar sind und sich zugleich weiter zuspitzen. Was bei Hodler als singulärer Augenblick des individuellen Absturzes erscheint, wird bei Heber zu einem Zustand, der menschliche Existenz insgesamt betrifft: Die Bedrohung ist nicht länger lediglich Möglichkeit, sondern Realität, deren Präsenz sich unserer Wahrnehmung zunehmend aufdrängt. Die Serie zielt damit auf eine Sensibilisierung für die Auswirkungen, die unhinterfragter Konsum und der ausschweifende Umgang mit natürlichen Ressourcen auf komplexe ökologische Zusammenhänge haben. Die gängige Bebilderung schmelzender Polkappen erschöpft sich häufig in eindrucksvollen Momentaufnahmen ihrer sichtbaren Folgen. Hebers Arbeiten versuchen demgegenüber, diese Momenthaftigkeit hinter sich zu lassen und eine offenere Form zu finden, die auf die Tragweite einer zunächst abstrakt erscheinenden, tatsächlich jedoch alle Menschen betreffenden Verknüpfung verweist. Die Gefahr, die vom Schmelzen kommt thematisiert damit nicht nur ein dringliches Thema unserer Zeit. Die Werkgruppe eröffnet zugleich einen Zusammenhang, der sich der unmittelbaren Beobachtung immer wieder entzieht: Menschliches Handeln setzt Prozesse in Gang, deren Reichweite aus der begrenzten Perspektive des Einzelnen kaum vollständig wahrgenommen oder in ihren Konsequenzen erfasst werden kann.

In einer weiteren Werkgruppe, die ebenfalls das Bergmassiv in den Fokus rückt, führt Heber diese Erkenntnis fort und verdichtet sie zugleich. Ohne Titel (aus der Werkgruppe Berge) von 2025 ist ein 140 × 100 cm großes Gemälde, das mit teilweise rasch ausgeführten Pinselschwüngen zwei angedeutete Bergmassive darstellt, die sich auf der linken und rechten Bildseite abzeichnen und in einem Tal zusammenzulaufen scheinen. Ein blau gehaltener Horizont verleiht der Arbeit zunächst den Charakter einer abstrahierten Landschaftsdarstellung. Der Berg als Zufluchts- und Sehnsuchtsort durchzieht nicht nur die Kunst vergangener Jahrhunderte, sondern gehört heute zur visuellen Grundausstattung sozialer Medien. Das Bergmassiv ist zum Sinnbild größtmöglicher Distanz zum urbanen Stress des Alltags geworden. Die vermeintliche Nähe zur Natur geht dabei jedoch keineswegs zwangsläufig mit einer reflexiven Auseinandersetzung mit ihr einher. Vielmehr wird Natur vermessen, fotografisch dokumentiert, touristisch erschlossen und nicht selten zur landschaftlichen Bühne öffentlich inszenierter Leistungsfähigkeit.

Hebers Arbeit ist von alledem fern: keine Inszenierung, keine Angaben zu zurückgelegten Höhenmetern oder anderen Leistungsdaten und keine menschliche Figur, die sich demonstrativ innerhalb des Bildes verortet. Seine Bergdarstellung bleibt bewusst uneindeutig. Vor- und Hintergrund verschwimmen und erzeugen einen Zwiespalt zwischen der unmittelbaren Wahrnehmung des Mediums und dem gedanklichen Rückgriff auf ein verinnerlichtes Bild der Berglandschaft. Das Werk fordert seine Betrachtenden dazu auf, die eigene Vorstellung zu hinterfragen und zugleich das Konkrete einzelner Pinselschwünge als solches zuzulassen. Wo Wahrnehmung dazu neigt, Gegebenheiten vorschnell in bekannte Kategorien einzuordnen, geraten zwangsläufig jene Erscheinungen aus dem Blick, die sich einer solchen Zuordnung entziehen. Hebers Werk zwingt das Bergmassiv weder in einfache Umrisslinien noch in vorgegebene Pfade, denen die Betrachtenden in ihrer Rezeption zu folgen hätten. Es eröffnet vielmehr einen Denkraum, in dem Farbsetzungen die Freiheit besitzen, für nichts außer sich selbst zu stehen und zugleich Natur jenseits jener menschengemachten Konstruktionen erfahrbar werden zu lassen, zu denen der Mensch sie unter den Maßgaben von Produktivität, Nutzen und Verwertbarkeit immer wieder zu formen versucht.

Die beiden bislang betrachteten Werkgruppen verdeutlichen einen zentralen Aspekt von Hebers künstlerischer Praxis: Trotz zahlreicher Inspirationen aus einer intensiv rezipierten kunsthistorischen Vergangenheit lässt er der malerischen Form eine ausgeprägte Freiheit in ihrer möglichen Bedeutung und bringt sie stets mit Entwicklungen der unmittelbaren Gegenwart in Verbindung. Das dritte und letzte Werkbeispiel führt diesen Gedanken der Unmittelbarkeit weiter und richtet den Blick auf das, was zurückbleibt, wenn Leben verschwindet.

Was bleibt, wenn wir nicht mehr sind?

Hebers Werkreihe Über das Entschwinden ist umfangreich. Zahlreiche Zeichnungen beschäftigen sich mit dem Sterben ihm nahestehender Menschen ebenso wie mit der Vergänglichkeit des eigenen Seins und den unaufhaltsamen Veränderungen der Welt. Innerhalb dieser Serie versucht der Künstler, das Verschwinden selbst als existenzielle Erfahrung künstlerisch zu fassen.

Sein Gemälde Ohne Titel (aus der Werkgruppe Über das Entschwinden) von 2025 bietet hierfür ein prägnantes Beispiel. Das 240 × 150 cm messende Werk ist zunächst durch einen deutlich gegliederten Bildaufbau bestimmt. Der von dunklen Farbtönen dominierte untere Bereich öffnet sich zur Bildmitte hin in ein dynamisches Zusammenspiel zweier aufsteigender schwarzer Farbspuren. Von hier aus entwickelt sich in der oberen Bildhälfte ein ins Grün übergehender Farbwechsel, der von vereinzelten, zugleich wiederkehrenden gelblichen Farbschlieren durchzogen wird. Eine schwarze Farbspur im oberen linken Bereich zieht sich nach rechts, wird dabei von gelben Farbtupfern begleitet und weist schließlich über die Grenzen des Bildes in den realen Raum hinaus. Durch seinen Bildaufbau und die über den Bildraum hinausweisende Dynamik evoziert das Gemälde die Assoziation eines lodernden Feuers oder eines vergleichbaren, in Bewegung begriffenen Geschehens, dessen Funkenflug von teils unvorhersehbaren Richtungswechseln bestimmt wird. Neben künstlerischen Bezugspunkten wie Gustave Courbet oder Per Kirkeby tritt in dieser Arbeit jedoch ein weiterer Aspekt hinzu. Einen wesentlichen Ausgangspunkt bildet Hebers intensive Betrachtung von Baumstümpfen, die nicht erst seit Eugène Atgets fotografischen Streifzügen durch die Pariser Vororte Anfang des 20. Jahrhunderts als eigenständiger und häufig übersehener Bestandteil der Natur in den Blick der Kunst geraten sind. Der Baumstumpf, scheinbar lebloser Solitär innerhalb der Natur, dessen einstige Funktion verloren gegangen und dessen Leben erloschen scheint, wird zum gedanklichen Anker, um über Endlichkeit zu reflektieren. Zugleich zeigt sich an ihm, dass totes Holz keineswegs einen endgültigen Endpunkt markieren muss. Der Stumpf kann selbst zum lebensstiftenden Grund für Neues werden: Er stabilisiert Hänge, trägt zum Schutz vor Erosion bei und schafft Lebensräume für Insekten, Pilze und andere Organismen. Gerade darin liegt eine für Hebers Werk grundlegende Verschiebung. Auch wenn in seinen Gemälden kein eindeutiges Wiedererkennen konkreter Formen möglich ist und ihre Abstraktheit trotz vielfältiger Assoziationsmöglichkeiten – etwa jener eines angedeuteten Feuers – einer eindeutigen Festlegung entgegensteht, eröffnet gerade diese Unbestimmtheit die Möglichkeit, der eingangs formulierten Frage nachzugehen: Kann ein abstraktes Gemälde angesichts der komplexen Verhältnisse unserer Gegenwart tatsächlich zu einem Werkzeug veränderter Wahrnehmung werden?

Wo die Welt bereits als kaum überschaubar und abstrakt erfahren wird, scheint eine weitere Steigerung der Abstraktheit im ersten Moment kaum geeignet, Klarheit zu schaffen. Indem Hebers Werke jedoch Ausdruck einer den Überbleibseln zugewandten Sicht sind und das fokussieren, was vergeht, zu verschwinden scheint, keinen unmittelbaren Nutzen besitzt oder sich vermeintlichen Ordnungsprinzipien entzieht, bilden sie die Dinge nicht allein in ihrer sichtbaren Erscheinung ab. Vielmehr fragen sie nach den Prozessen, die ihnen zugrunde liegen und in ihnen wirksam werden. Sein Werk – so abstrakt und mehrdeutig es immer wieder ist – wird damit zu einem Beispiel dafür, wie aus der bewusst gesuchten, in ihrem Ergebnis jedoch nie vollständig planbaren Konfrontation mit dem Abstrakten des Lebens eine Sichtweise und zugleich ein künstlerischer Ausdruck entstehen können, die unterschiedliche Erscheinungen, Zusammenhänge und Deutungen nebeneinander bestehen lassen.

Hebers Malerei liefert keine einfachen Antworten auf die großen Fragen unserer Gegenwart. Gerade darin liegt aber ihre Stärke. Sie ersetzt die komplexen Verhältnisse der Welt nicht durch ein vermeintlich übersichtliches Bild, sondern macht ihre Uneindeutigkeit zum Ausgangspunkt der Wahrnehmung. Seine Werke mahnen dazu, bewusster wahrzunehmen und das, was aus unserem Blick gerät, dennoch in seiner fortbestehenden Präsenz anzuerkennen. Sie präsentieren keine idealisierte Vorstellung von Natur in Form malerischer Landschaften oder schöner Aussichten. Vielmehr appellieren sie an unsere geistige Beweglichkeit: aus der Vergangenheit zu lernen, eigene Sichtweisen zu reflektieren, sie angesichts neuer Erfahrungen zu verändern und das Uneindeutige nicht vorschnell aus der eigenen Wahrnehmung auszuschließen. Vielleicht liegt genau darin eine mögliche Antwort auf die eingangs gestellte Frage nach der gegenwärtigen Relevanz abstrakter Malerei. Ihre Aufgabe besteht nicht darin, die Welt vollständiger abzubilden als andere Medien oder für ihre Probleme konkrete Lösungen bereitzustellen. Sie kann vielmehr jene Gewissheiten irritieren, mit denen wir Realität ordnen, bewerten und nach Nutzen unterscheiden. Sie kann den Blick für das öffnen, was sich diesen Ordnungen entzieht – für das Übersehene, das Vergängliche, das scheinbar Nutzlose und für jene Prozesse, deren Folgen längst wirksam sind, bevor wir sie vollständig zu erfassen vermögen. In diesem Sinne ist Hebers Malerei gerade aufgrund ihrer Abstraktheit gegenwärtig relevant, eröffnet sie doch jenen nonkonformistischen Blick auf die Realität, den wir so dringend benötigen.

peterheber.de

[1] Oxfam International: Studie zur Klimaungleichheit, 2023, https://www.oxfam.de/system/files/documents/20231120-oxfam-klima-ungleichheit.pdf (letzter Zugriff: 18.08.2026). [2] Vgl. Tagesschau: Beitrag zu Meeresspiegelanstieg und Venedig, https://www.tagesschau.de/wissen/klima/meeresspiegelanstieg-venedig-100.html (letzter Zugriff: 19.08.2026). [3] Mark Tobey zit. n.: William C. Seitz: Mark Tobey, Ausstellungskatalog New York/Ohio/Chicago, New York 1962, S. 45.

 
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