Wenn Karten mehr als Orientierung bieten und Geschichten erzählen
Was zeigt eine Karte tatsächlich? Territorien, Wege und Grenzen oder vielmehr Erinnerungen, Vorstellungen und Projektionen? Mit der Gruppenausstellung Uncertain Maps widmet sich das KAI 10 der ARTHENA FOUNDATION bis zum 2. Oktober 2026 in Düsseldorf der Kartografie als künstlerischem Denkmodell.
Die von Ludwig Seyfarth und Klaus-Peter Kirchner kuratierte Ausstellung versammelt Arbeiten von Franz Ackermann, Jens Bleckmann, DAG, Olafur Eliasson, Esther Ernst, Julius Hartauer, Michael Golz, Christian Pilz und Isabell Schulte. Gemeinsam untersuchen sie das Verhältnis von Orientierung und Imagination und zeigen, dass Karten weit mehr sind als neutrale Instrumente zur Vermessung der Welt. Vielmehr erscheinen sie als kulturelle Konstruktionen, in denen sich Wissen, Erinnerung und subjektive Erfahrung überlagern.
Die Ausstellung geht von einer einfachen Beobachtung aus: Jede Karte trifft Entscheidungen. Sie bestimmt Maßstäbe, blendet Informationen aus und setzt Prioritäten. Selbst dort, wo sie wissenschaftliche Objektivität beansprucht, bleibt sie Interpretation. An diesem Punkt setzt Uncertain Maps an und erweitert den Begriff der Kartografie um poetische, psychologische und fiktionale Dimensionen. Die gezeigten Werke entwerfen keine verlässlichen Wegweiser, sondern offene Systeme, in denen sich reale Landschaften mit inneren Zuständen, Erinnerungen und imaginären Räumen verbinden.
Besonders eindrucksvoll wird dieser Ansatz in den Mental Maps von Franz Ackermann. Seine kleinformatigen Aquarelle entstehen auf Reisen und verdichten architektonische Eindrücke, Bewegungen und Erinnerungen zu vielschichtigen Bildräumen. Städte erscheinen hier nicht als topografische Ansichten, sondern als subjektive Erfahrungsräume, in denen unterschiedliche Perspektiven gleichzeitig existieren können.
Einen anderen Zugang verfolgt Olafur Eliasson. Seine Cartographic Series basiert auf Satellitenaufnahmen Islands, die er in farbige Photogravüren überführt. Zwischen wissenschaftlicher Datenerhebung und ästhetischer Abstraktion entstehen Bilder, die den vermeintlichen Wahrheitsanspruch kartografischer Darstellungen hinterfragen. Landschaft wird hier nicht lediglich dokumentiert, sondern als Ergebnis von Wahrnehmung sichtbar.
Auch Michael Golz beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit einer eigenen Welt. Sein fortlaufendes Projekt Athosland umfasst inzwischen Tausende Zeichnungen und entwickelt eine vollständig imaginierte Geografie mit eigener Sprache, eigenen Orten und Bewohnern. Was zunächst wie eine fantastische Landkarte erscheint, entfaltet sich bei näherer Betrachtung als komplexes Geflecht aus Erinnerung, Erzählung und persönlicher Mythologie.
Zeichnung bildet überhaupt einen zentralen Ausgangspunkt der Ausstellung. Jens Bleckmann entwickelt aus Linien, Schriftfragmenten und architektonischen Anspielungen dichte visuelle Systeme, die zwischen Stadtplan und Gedankennetz oszillieren. Christian Pilz lässt aus einer einzigen Linie über Wochen und Monate hinweg organisch wachsende Bildwelten entstehen, während Isabell Schulte mit seriellen Zeichenfolgen großformatige Arbeiten entwickelt, deren rhythmische Struktur an kartografische Raster erinnert, sich einer eindeutigen Lesbarkeit jedoch konsequent entzieht.
Kartografie erscheint in Uncertain Maps dabei nicht nur als räumliches, sondern ebenso als zeitliches und biografisches Instrument. Julius Hartauers detailreiche Kalenderzeichnungen übersetzen Zeit in grafische Systeme und machen sichtbar, dass auch Zeit vermessen, geordnet und subjektiv erfahren wird. Esther Ernst wiederum verbindet Reiseeindrücke, persönliche Notizen und gesellschaftliche Beobachtungen zu zeichnerischen Erzählungen, in denen geografische Orientierung und individuelle Erinnerung untrennbar ineinandergreifen.
Bemerkenswert ist, dass die Ausstellung trotz der unterschiedlichen künstlerischen Handschriften eine klare kuratorische Linie entwickelt. Die Werke illustrieren den Begriff der Karte nicht, sondern erweitern ihn. Karten werden zu Denkfiguren, die ebenso politische wie psychologische, sprachliche und ästhetische Fragestellungen berühren. Sie dokumentieren keine abgeschlossene Welt, sondern machen sichtbar, wie Wirklichkeit überhaupt erst durch Wahrnehmung, Auswahl und Erzählung entsteht.
Bis Anfang Oktober erhält das Publikum Zeit, diese vielschichtigen Bildwelten zu erkunden. Das begleitende Veranstaltungsprogramm greift den Gedanken des Unterwegsseins auf und verbindet Zeichnung, Literatur und Künstlergespräche zu einem interdisziplinären Dialog über Bewegung, Erinnerung und Orientierung.
Uncertain Maps erweist sich damit als eine Ausstellung, die aktuelle Fragen nach Raum, Identität und Wirklichkeitskonstruktion nicht über große Gesten verhandelt, sondern über das leise, konzentrierte Nachdenken in Linien, Zeichen und Bildern. Sie zeigt eindrucksvoll, dass Karten weniger Antworten liefern, als neue Möglichkeiten eröffnen, die Welt, und den eigenen Platz in ihr, immer wieder neu zu lesen.