Vertraute Routinen, fragile Ordnungen – Zwischen Zapfsäule und Zigarettenglut: Lisa Röing Baers Blick auf Systeme der Gegenwart

 

Im Kunstverein Friedrichshafen widmet sich die Einzelausstellung spark von Lisa Röing Baer (bis 14.06.2026) den visuellen und gesellschaftlichen Strukturen einer Gegenwart, die von fossilen Energien, Mobilität und deren kulturellen Implikationen geprägt ist. Ausgangspunkt der Ausstellung ist ein Motiv, das zugleich alltäglich und symbolisch aufgeladen erscheint: die Tankstelle als Ort der Versorgung, aber auch als Schnittstelle zwischen individuellen Routinen und übergeordneten Systemen.

Im Ausstellungsraum treten historische Benzinzapfsäulen als skulpturale Elemente auf. Sie verweisen auf die Hochphase einer petrochemisch geprägten Moderne, in der Erdöl mit Fortschritt, Freiheit und unbegrenzter Mobilität assoziiert wurde. In der Inszenierung wirken diese Objekte wie Relikte einer Ordnung, die sich im Wandel befindet, zugleich jedoch weiterhin wirksam ist. Ihre Präsenz evoziert Vorstellungen von Kontrolle und Stabilität, die eng mit tradierten Bildern von Männlichkeit und Ressourcennutzung verbunden sind.

Diesen objekthaften Setzungen stellt Röing Baer fotografische Arbeiten gegenüber, die alltägliche Szenen einfangen. Hände, die aus Autofenstern ragen, beiläufig gehaltene Zigaretten. Es sind Momente, die zunächst unspektakulär erscheinen, jedoch eine Logik von Wiederholung, Konsum und Abhängigkeit sichtbar machen. Die Künstlerin arbeitet analog und integriert die Bedingungen der Aufnahme bewusst in die Bildstruktur: Fragmente des Fahrzeugs bleiben im Bild sichtbar und verweisen darauf, dass die Perspektive nicht außerhalb des Geschehens liegt. Vielmehr ist sie Teil desselben Systems, das sie untersucht.

Besonders deutlich wird dies in fotografischen Gegenüberstellungen, in denen Gesten miteinander korrespondieren, ohne sich tatsächlich zu berühren. Zwischen Nähe und Distanz entsteht ein Spannungsfeld, das weniger auf direkte Interaktion als auf strukturelle Verbundenheit verweist. Der Blick bewegt sich zwischen den Bildpolen, ohne festen Halt zu finden, und reflektiert so die Ambivalenz eines Zustands, in dem Vertrautheit und Unsicherheit zugleich präsent sind.

Röing Baers künstlerische Praxis speist sich aus einem fortlaufend wachsenden Bildarchiv, das sie in ihren Ausstellungen medienübergreifend neu anordnet. Fotografien, Objekte und textuelle Verweise treten in Beziehung und eröffnen Deutungsräume, die weniger eindeutige Aussagen als vielmehr Zustandsbeschreibungen liefern. Im Zentrum steht dabei die Frage, wie Individuen an Systeme gebunden bleiben, selbst wenn deren Fragilität längst erkannt ist. Die Ausstellung formuliert dieses Spannungsfeld als eine Art Stillstand im Angesicht globaler Umbrüche, in dem Wissen um Krisen und das Festhalten an gewohnten Praktiken nebeneinander existieren.

Im oberen Ausstellungsbereich verschiebt sich der Fokus auf Formen zwischenmenschlicher Bindung. Eine Szenerie, die an Raststätten- oder Imbisssituationen erinnert, wird durch subtile Details ergänzt, etwa durch dekorierte Servietten, die literarische Bezüge aufrufen. Hier verdichten sich Motive von Nähe, Abhängigkeit und emotionaler Verstrickung. Die angedeutete Referenz an William Somerset Maugham und dessen Roman Of Human Bondage erweitert die Lesart der gezeigten Gesten: Das Festhalten an schädlichen Beziehungen erscheint als Parallele zu den im Ausstellungsraum verhandelten Formen systemischer Abhängigkeit.

Ein wiederkehrendes Moment ist dabei die latente Gefahr, die aus der Kombination von brennbaren Materialien und offenen Flammen resultiert. Die Verbindung von Zapfsäulen und Zigaretten erzeugt ein Spannungsfeld, das zwischen Bedrohung und Möglichkeit oszilliert. Feuer erscheint einerseits als destruktive Kraft, andererseits als potenzieller Auslöser von Veränderung. In diesem Sinne lässt sich der Ausstellungstitel als Verweis auf einen Moment des Umschlags lesen. Einen Funken, der bestehende Strukturen infrage stellt und Transformation ermöglicht.

Mit spark gelingt es Röing Baer, eine präzise Beobachtung gegenwärtiger Lebensrealitäten mit einer reflektierten Bildsprache zu verbinden. Die Ausstellung im Kunstverein Friedrichshafen entfaltet dabei ein dichtes Geflecht aus visuellen und inhaltlichen Bezügen, das den Blick weniger auf spektakuläre Brüche als auf die leisen, oft widersprüchlichen Dynamiken richtet, die unsere Beziehung zu Systemen, Ressourcen und zueinander prägen.

kunstverein-friedrichshafen.de

Fotos: Lisa Röing Baer / Kunstverein Friedrichshafen, 2026, Fotograf: Dominik Dresel

 
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