Julian Charrière: Zwischen Wissenschaft und Erfahrung – Die Tiefsee als künstlerischer Raum

 

Mit Midnight Zone widmet das Kunstmuseum Wolfsburg dem französisch-schweizerischen Künstler Julian Charrière eine umfassende Einzelausstellung, die sich einem Raum nähert, der zugleich allgegenwärtig und weitgehend unerfahrbar bleibt: der Tiefsee. Die Ausstellung (bis 12.07.2026) entfaltet ein vielschichtiges Panorama, in dem wissenschaftliche Erkenntnis, künstlerische Imagination und ökologische Fragestellungen ineinandergreifen.

Im Zentrum steht das Element Wasser als Grundlage des Lebens und als umkämpfte Ressource im Zeitalter des Anthropozäns. Charrières Arbeiten verweisen auf globale Zusammenhänge: von der Versauerung der Ozeane über das Abschmelzen der Polkappen bis hin zu den kaum sichtbaren, aber folgenreichen Eingriffen durch Tiefseebergbau. Die Ausstellung macht deutlich, dass die scheinbar entlegenen Regionen der Erde längst in globale Prozesse eingebunden sind.

Der titelgebende Film Midnight Zone führt in jene Tiefenbereiche des Ozeans, die zwischen 1.000 und 4.000 Metern vollständig im Dunkeln liegen. Eine rotierende Fresnel-Linse, ursprünglich für Leuchttürme entwickelt, wird hier zum zentralen Motiv: Ihr Licht durchdringt die Schwärze und zieht Meereslebewesen an, die die künstliche Quelle umkreisen. So entsteht ein ambivalentes Bild zwischen Faszination und Irritation. Das Licht erscheint zugleich als Erkenntnisinstrument und als Störung eines fragilen Ökosystems. Charrière beschreibt dieses Spannungsverhältnis als grundlegendes Paradox menschlicher Erkenntnis: „wir versuchen zu sehen und zu verstehen und verändern dabei jedoch unvermeidlich alles, was wir berühren.“ (1)

Die Ausstellung ist als immersiver Erfahrungsraum konzipiert. Ein eigens entwickelter Glaspavillon mit der im Raum installierten Fresnel-Linse übersetzt das filmische Motiv in eine körperlich erfahrbare Situation. Licht, Klang und Bewegung verschränken sich zu einer Umgebung, in der sich gewohnte Orientierungen auflösen. Diese Verschiebung der Wahrnehmung ist zentral für Charrières Praxis. Seine Arbeiten zielen nicht darauf ab, wissenschaftliche Daten zu illustrieren, sondern eine andere Form des Zugangs zu eröffnen. „Die Wissenschaft stellt uns die Werkzeuge zum Verständnis der Welt zur Verfügung, aber sie erfasst nicht unbedingt, wie es sich anfühlt, diese Welt zu erleben“ (2), so der Künstler.

Gerade die Tiefsee entzieht sich einer rein visuellen Erfassung. In Midnight Zone und weiteren Arbeiten der Ausstellung spielt daher der Klang eine entscheidende Rolle. Unter Wasser, so Charrière, ist die Welt „alles andere als still“ (3). Geräusche werden zum primären Orientierungssystem, während das Sehen an Bedeutung verliert. Diese Umkehrung der Sinneshierarchie wird in der Ausstellung gezielt erfahrbar gemacht und lenkt den Blick auf die Grenzen menschlicher Wahrnehmung.

Charrières Projekte entstehen häufig in enger Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern und unter extremen Bedingungen – etwa in der Arktis oder in großen Meerestiefen. Technologische Präzision ist dabei ebenso wesentlich wie die Offenheit gegenüber Unvorhersehbarkeit. Die Arbeiten basieren auf aufwendigen Expeditionen, bei denen spezialisierte Kamerasysteme, Unterwasserdrohnen und akustische Messverfahren zum Einsatz kommen. Trotz dieser technischen Grundlage bleibt ein Moment des Unbestimmten erhalten. Charrière interessiert sich ausdrücklich für den Zwischenraum von empirischem Wissen und sinnlicher Erfahrung. Seine Arbeiten bewegen sich zwischen Analyse und Imagination, zwischen Daten und Atmosphären.

Die Tiefsee erscheint dabei nicht als bloßes Forschungsobjekt, sondern als ein Raum, der sich jeder vollständigen Erfassung entzieht. „Die Tiefsee beispielsweise ist an sich erhaben – … ein Raum, der sich allen Maßstäben widersetzt“ (4), beschreibt Charrière. Die Ausstellung macht diese Erfahrung nachvollziehbar, ohne sie zu vereindeutigen.

Zugleich formuliert Midnight Zone ein deutliches ökologisches Anliegen. Charrière plädiert für ein erweitertes Verständnis von Ökologie, das die Verflechtungen zwischen unterschiedlichen Sphären betont. Die Trennung zwischen Land, Meer und Atmosphäre erscheint dabei als künstlich. „Wir müssen eine andere Art und Weise entwickeln, wie wir die Erde wahrnehmen … – nicht als Einzelteile, sondern als eine zusammenhängende, verwobene Realität“ (5), so der Künstler.

Die Ausstellung versteht sich in diesem Sinne als Beitrag zu einer kulturellen Sensibilisierung für die Tiefsee. Denn bevor diese geschützt werden kann, muss sie überhaupt als lebendiger Raum erfahrbar werden. Midnight Zone gelingt es, diese Erfahrung nicht nur visuell, sondern körperlich und sinnlich zu vermitteln und eröffnet damit einen Zugang zu einem der letzten weitgehend unbekannten Räume der Erde, der zugleich untrennbar mit der Zukunft des Planeten verbunden ist.

kunstmuseum.de

Quelle 1–5: Kunstmuseum Wolfsburg (2026). Die Tiefe spüren. Julian Charrière im Gespräch mit Andreas Beitin und Roland Wetzel.

 
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