Zwischen Original und Wiederholung – Lin Olschowkas Spiel mit dem Dazwischen

 

Der Kunstverein Friedrichshafen zeigt bis zum 29. März 2026 die Einzelausstellung Copy of a Wall der Malerin Lin Olschowka. Die Präsentation versammelt Arbeiten, die sich mit Übergangszuständen, Verschiebungen von Bedeutung sowie dem Verhältnis von Original und Wiederholung auseinandersetzen. Im Zentrum steht dabei weniger das abgeschlossene Bild als vielmehr ein offener Prozess, in dem Wahrnehmung und Interpretation ständig neu ausgehandelt werden.

Ein zentraler Bezugspunkt der Ausstellung sind zwei nahezu identische Selbstporträts vor den Kreidefelsen Rügens. Was zunächst als ruhige, vertraute Szene erscheint, entfaltet seine Komplexität erst durch die Wiederholung. Die Gegenüberstellung der beiden Gemälde unterläuft die Vorstellung des einzigartigen, authentischen Selbstporträts. Stattdessen rückt eine serielle Ordnung in den Vordergrund, in der minimale Abweichungen entscheidend werden. Originalität zeigt sich hier nicht als fixe Eigenschaft, sondern als etwas, das sich im Vergleich und in der Differenz zwischen den Bildern konstituiert.

Diese Strategie setzt sich in weiteren Werkgruppen fort. In Arbeiten wie Mäuseloch 1, Mäuseloch 2 oder Get-together verschiebt Olschowka Maßstäbe und Hierarchien. Unterschiedliche Zeiten, Stile und Bildtraditionen treffen aufeinander: kunsthistorische Anspielungen stehen neben popkulturellen Elementen, sakrale Bildräume neben alltäglichen Motiven. Wahrnehmung erweist sich dabei als abhängig von Kontext, Perspektive und Maßstab. Feste Bedeutungszuweisungen geraten ins Wanken.

Besonders deutlich wird dieses Spannungsfeld im Werk S 285/1. Die Leinwand übernimmt exakt die Maße eines real existierenden Tisches von Marcel Breuer, der im Ausstellungsraum ebenfalls präsent ist. Bild und Objekt begegnen sich auf Augenhöhe: Der Tisch erscheint nicht als musealisiertes Designobjekt, sondern als Gebrauchsgegenstand, während das Gemälde seine Rolle als reine Repräsentation hinterfragt. Die Grenze zwischen Bild und Realität wird dadurch bewusst porös gehalten.

Die Ausstellung folgt keiner linearen Dramaturgie. Wiederholung, Zitat, Übertragung und Verschiebung fungieren als grundlegende Verfahren in Olschowkas künstlerischer Praxis. Copy of a Wall lässt sich als offenes Gefüge lesen, in dem Bedeutungen zirkulieren, sich überlagern und verändern, ohne sich abschließend festzuschreiben. Gerade in diesem Schwebezustand entfaltet die Ausstellung ihre analytische Schärfe und lädt zu einer reflektierten Auseinandersetzung mit den Bedingungen von Bildproduktion und -wahrnehmung ein.

Lin Olschowka, 1995 in Münsterlingen (Schweiz) geboren, lebt und arbeitet in Karlsruhe. Sie studierte an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe und war zuletzt unter anderem auf der Liste Art Fair Basel vertreten sowie in Institutionen wie dem Rosgartenmuseum Konstanz oder dem Museum zu Allerheiligen Schaffhausen ausgestellt.


kunstverein-friedrichshafen.de

 
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