Wo Geschichte beginnt – C&A, Sneek und die Konstruktion eines Gründungsortes

 

Wo beginnt die Geschichte eines global agierenden Unternehmens? Die Ausstellung VERORTET. Auf den Spuren von C&A in Sneek nimmt eine vermeintlich einfache Frage zum Ausgangspunkt und entfaltet daraus eine vielschichtige Untersuchung. Wo genau nahm das Modeunternehmen C&A im Jahr 1841 seinen Anfang? Was lange als gesichert galt, erweist sich bei näherer Betrachtung als historisches Narrativ, das mehr über kollektive Erinnerung und unternehmerische Selbstverortung erzählt als über einen eindeutig bestimmbaren Ort.

Im Zentrum der Ausstellung steht ein Gebäude in der friesischen Stadt Sneek, das über Jahrzehnte hinweg als „Stammhaus“ von C&A bezeichnet wurde. Eine Gedenktafel markierte den Ort, an dem, so die verbreitete Annahme, die Firmengeschichte begonnen habe. Die Ausstellung macht jedoch deutlich, dass dieses Haus nicht der tatsächliche Gründungsort ist. Vielmehr eröffneten Clemens und August Brenninkmeijer hier erst 1860 ihr erstes eigenes Ladengeschäft, fast zwei Jahrzehnte nach der Unternehmensgründung. Die Brüder hatten sich bereits 1841 selbstständig gemacht und zunächst als Wanderhändler gearbeitet. Wo sich ihr erstes Magazin befand und von welchem Ort aus sie ihre frühe Geschäftstätigkeit organisierten, ist bis heute nicht eindeutig belegt.

Diese Leerstelle ist kein Defizit, sondern der eigentliche Erkenntnisraum der Ausstellung. Anhand historischer Quellen, Fotografien und akribischer Recherchen zeichnet VERORTET die Suche nach dem Ursprung nach und legt zugleich offen, wie Gründungsmythen entstehen. Der Blick richtet sich nicht nur auf archivalische Fakten, sondern auch auf die Mechanismen, mit denen Unternehmen, insbesondere Familienunternehmen, ihre Geschichte erzählen und verankern. Der Gründungsort erscheint dabei weniger als geografische Koordinate denn als symbolisches Konstrukt.

Dass solche symbolischen Orte eine besondere Strahlkraft besitzen, zeigt der Vergleich mit anderen Industrie- und Technikgeschichten: das kleine Fachwerkhaus auf dem Gelände der Essener Krupp-Zentrale oder die Garage in Kalifornien, in der Apple seinen Anfang nahm. Solche Orte fungieren als materielle Verdichtungen von Erfolgsgeschichten und stiften Identität. Auch C&A griff in den 1950er-Jahren auf das Haus in Sneek zurück und setzte es in Werbematerialien als Zeichen von Tradition und Kontinuität ein. Unabhängig von seiner historischen Präzision wurde das Gebäude so zum sichtbaren Anker einer Unternehmensbiografie.

Die Ausstellung hinterfragt diese Praxis nicht mit dem Ziel der Demontage, sondern mit analytischer Offenheit. Sie zeigt, dass das vermeintliche „Stammhaus“ durchaus Bedeutung besitzt, nicht als Ort der Gründung, wohl aber als erstes Geschäft im Eigentum der Familie und als Manifestation eines frühen wirtschaftlichen Erfolgs. Gerade weil der tatsächliche Ausgangspunkt im Ungefähren bleibt, gewinnt dieser Ort eine besondere Ambivalenz: Er steht für das, was sich festhalten lässt, und zugleich für das, was sich historisch entzieht.

VERORTET lädt die Besucher zu einer Entdeckungsreise ein, die Archivarbeit, Stadtgeschichte und Unternehmensgedächtnis miteinander verschränkt. Die Ausstellung macht nachvollziehbar, wie historische Gewissheiten entstehen, wie sie sich verfestigen, und wie sie durch neue Forschungen ins Wanken geraten können. Dabei wird deutlich, dass Geschichte nicht nur aus Daten und Orten besteht, sondern auch aus Erzählungen, Zuschreibungen und bewussten Setzungen.

So gelingt der Ausstellung ein Perspektivwechsel: Der Gründungsmythos von C&A wird nicht als bloße Fehlannahme korrigiert, sondern als kulturelles Phänomen sichtbar gemacht. Die Frage nach dem „Wo“ führt damit zu einer weiterreichenden Reflexion über Erinnerung, Identität und die Konstruktion von Herkunft. Themen, die weit über die Geschichte eines einzelnen Unternehmens hinausweisen.

DAS Forum
26.11.2025 – 26.04.2026
www.draiflessen.com

 
Weiter
Weiter

Małgorzata Mirga-Tas – Textile Bilder einer verdrängten Geschichte