Ein Garten im Wandel – Zwischen Kunst, Natur und Erinnerung
Gärten sind weit mehr als gestaltete Natur. Sie spiegeln gesellschaftliche Vorstellungen, ästhetische Ideale und das sich wandelnde Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt. Mit der Ausstellung Garten der Möglichkeiten widmet sich der Künstlerverein Malkasten in Düsseldorf der Geschichte seines historischen Parks und verbindet diese mit zeitgenössischen künstlerischen Perspektiven auf Natur, Landschaft und Gartenkultur. Bis zum 23. Februar 2027 sind im Malkastenforum historische Dokumente, Fotografien und Gemälde ebenso zu sehen wie aktuelle Arbeiten aus Malerei, Skulptur, Druckgrafik, Fotografie, Video und Installation.
Ausgangspunkt ist ein Ort, dessen Geschichte bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts zurückreicht. Der heutige Malkastenpark entstand auf einem Grundstück, das Johann Conrad Jacobi 1742 im damaligen Düsseldorfer Vorort Pempelfort erwarb. Ursprünglich nach den geometrischen Prinzipien des Barocks angelegt, wurde der Garten unter seinem Sohn Friedrich Heinrich Jacobi ab 1790 zu einem Landschaftspark nach englischem Vorbild umgestaltet. Geschwungene Wege, Wasserläufe und bewusst angelegte Sichtachsen sollten den Eindruck einer natürlich gewachsenen Landschaft vermitteln. Schon darin zeigt sich ein grundlegender Widerspruch der Gartenkunst: Was unberührt erscheint, ist häufig das Ergebnis sorgfältiger menschlicher Planung.
Unter Friedrich Heinrich Jacobi entwickelte sich das Anwesen zugleich zu einem bedeutenden Treffpunkt des geistigen Lebens. Persönlichkeiten wie Johann Wolfgang Goethe, Johann Gottfried Herder und Denis Diderot waren hier zu Gast. Mit der Übernahme durch den Künstlerverein Malkasten in den 1850er-Jahren wurde der Park schließlich zu einem Mittelpunkt des Düsseldorfer Kunstlebens. Historische Gemälde, Fotografien und Dokumente veranschaulichen seine wechselvolle Geschichte als Ort künstlerischer Begegnungen, gesellschaftlicher Veranstaltungen und landschaftlicher Veränderungen.
Die Ausstellung beschränkt sich jedoch nicht auf eine historische Rückschau. Vielmehr dienen die unterschiedlichen Entwicklungsphasen des Parks als Ausgangspunkt für aktuelle Fragen nach dem Verhältnis von Kultur und Natur. Die versammelten künstlerischen Positionen untersuchen Landschaft nicht allein als ästhetisches Motiv, sondern auch als Raum, der durch menschliche Eingriffe, gesellschaftliche Vorstellungen und ökologische Prozesse geprägt wird.
Einen unmittelbaren Bezug zur Geschichte des Malkastenparks stellt Lothar Baumgarten her. Bereits Ende der 1990er-Jahre entwarf er eine Intervention für das Gelände, die dem Naturforscher und Ethnologen Georg Forster gewidmet war und dessen Verbindung zur Familie Jacobi aufgriff. Andere Positionen richten den Blick auf die künstlerische Wahrnehmung von Landschaft. Elger Esser zeigt mit einer nächtlichen Langzeitaufnahme aus Claude Monets Garten in Giverny eine fotografische Annäherung an einen kunsthistorisch aufgeladenen Ort. Franz Gertsch widmet sich in einem seiner präzisen Holzschnitte den Bewegungen unscheinbarer Gräser, während Silke Leverkühne Naturbeobachtungen in eigenständige malerische Strukturen übersetzt. Gemeinsam verdeutlichen diese Arbeiten, wie unterschiedlich sich Landschaft zwischen genauer Beobachtung, Erinnerung und künstlerischer Interpretation darstellen lässt.
Einen stärker konzeptuellen Zugang verfolgen Johannes Bendzulla, Katja Davar und Christoph Knecht. Bendzullas Blumenwiese entsteht aus digital bearbeiteten Fotografien von Malerpaletten und hinterfragt damit die Grenzen zwischen Naturdarstellung und technischer Bildproduktion. Davar beschäftigt sich in Strait Nesting mit den Bewegungsrouten von Vögeln und stellt deren Mobilität den geografischen und politischen Grenzen gegenüber, die menschliches Leben bestimmen. Knechts Radierungsserie Plant of Opportunities wiederum zeigt hybride Gebilde aus pflanzlichen und menschlichen Formen. Die an botanische Illustrationen erinnernden Darstellungen lösen vertraute Kategorien auf und eröffnen neue Perspektiven auf das Verhältnis von Mensch und Natur.
Auch Giuseppe Penone, Anja Schubert und Tatjana Valsang beschäftigen sich mit organischen Strukturen und natürlichen Prozessen. Penone verbindet in seiner Werkgruppe Gesti vegetali menschliche Körperbewegungen mit den langsamen Wachstumsprozessen von Pflanzen. Schuberts fragile skulpturale Hohlkörper lassen an natürliche Gebilde denken, ohne eindeutig gegenständlich zu werden. Valsangs Malerei entwickelt aus Farbe und Bewegung dynamische Bildräume, in denen sich Assoziationen an biologische Vorgänge einstellen. Natur erscheint in diesen Arbeiten weniger als abbildbares Gegenüber denn als ein Prozess, der sich in unterschiedlichen künstlerischen Ausdrucksformen widerspiegelt.
Eine besondere Rolle nimmt Rita McBride ein, die eigens für den Innenhof des Malkastenforums eine neue Arbeit entwickelt hat. Ausgangspunkt ist die Frage, wie Skulpturen in Gärten und Parkanlagen während der Wintermonate geschützt werden können. Dabei bezieht sie sich auf eine historische Aufnahme des verschneiten Malkastenparks von 1888 sowie auf Dara Friedmans 2025 im Lantz'schen Park realisierte Arbeit Schlangensonne. McBride lenkt den Blick damit auf einen häufig übersehenen Aspekt der Kunst im Außenraum: ihre Abhängigkeit von Witterung, Pflege und materieller Erhaltung.
Ergänzt wird die Präsentation durch drei eigens entwickelte Arbeiten von Studierenden der Kunstakademie Düsseldorf. Valerie Fiona Feldhaus, Marie Grothe und Tom Seidel haben sich im Rahmen künstlerischer Recherchen mit dem Malkastenpark und seiner Geschichte auseinandergesetzt. Ihre Beiträge erweitern die Ausstellung um Perspektiven einer jüngeren Künstlergeneration.
Dass ein Garten niemals ein abgeschlossenes Kunstwerk ist, verdeutlicht auch die jüngere Geschichte des Malkastenparks. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Anlage weitgehend zerstört und anschließend über Jahre wiederhergestellt. Später machten schwere Stürme umfangreiche Eingriffe erforderlich. Besonders der Orkan Ela verursachte 2014 erhebliche Schäden am Baumbestand. Bei den anschließenden Neupflanzungen wurden auch Baumarten berücksichtigt, die gegenüber veränderten klimatischen Bedingungen widerstandsfähiger sind.
Damit berührt die Ausstellung eine zentrale Frage der gegenwärtigen Garten- und Landschaftspflege: Wie lassen sich historische Anlagen bewahren, wenn sich die ökologischen Voraussetzungen verändern, unter denen sie entstanden sind? Der Erhalt eines Gartendenkmals bedeutet nicht zwangsläufig, einen bestimmten Zustand unverändert festzuschreiben. Vielmehr erfordert er fortlaufende Entscheidungen zwischen historischer Authentizität, gestalterischer Kontinuität und ökologischer Anpassung.
Mit dem 2024 eröffneten Malkastenforum verfügt der Künstlerverein inzwischen über einen Ausstellungsort, der unmittelbar an den historischen Park anschließt. Diese räumliche Verbindung verleiht Garten der Möglichkeiten eine besondere Qualität. Die Auseinandersetzung mit Landschaft und Natur findet nicht losgelöst von ihrem Gegenstand statt, sondern an einem Ort, an dem sich unterschiedliche Vorstellungen von Gartenkunst über mehr als zwei Jahrhunderte eingeschrieben haben.
Garten der Möglichkeiten verbindet Kunstgeschichte, zeitgenössische Kunst und Fragen ökologischer Verantwortung zu einer vielschichtigen Betrachtung gestalteter Natur. Die Ausstellung zeigt, dass Gärten nicht nur Orte der Erholung und ästhetischen Erfahrung sind, sondern auch Zeugnisse gesellschaftlicher Entwicklungen und menschlicher Eingriffe. Der Malkastenpark wird damit zum Ausgangspunkt einer Reflexion über das Verhältnis von Natur und Kultur sowie über die Herausforderungen, historische Landschaften unter veränderten Bedingungen für die Zukunft zu bewahren.