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Die Grenzgängerin - Ein Gespräch mit der Künstlerin Lia Sáile

Die Grenzgängerin - Ein Gespräch mit der Künstlerin Lia Sáile

Lia Sáile wurde 1985 im Ruhrgebiet geboren und studierte an der Universität Wien sowie der University of Malta Theater-, -Film und Medienwissenschaften. In ihrer zehnjährigen künstlerischen Praxis bewegt sie sich zwischen unterschiedlichen Medien und Formaten und setzt sich so mit (inter-)kulturellen, politischen und sozialen Themen auseinander. Was dabei entsteht, hat sie uns in Ihrem Studio verraten.

Du arbeitest in sehr verschiedenen Bereichen. Wo verortest Du Dich künstlerisch?

Interdisziplinär. Zum einen arbeite ich in verschiedenen Formaten, zum anderen greife ich im Arbeitsprozess - in Recherche und Methodik - auf andere Disziplinen, z.B. Philosophie oder Sozialwissenschaften, zurück. Die Querverbindungen und Beziehungen sind dabei am Ende nicht zwangsläufig in der Arbeit sichtbar. Die Arbeitsweise, sich zwischen den Formaten, Disziplinen und Expertisen zu bewegen, ist Resultat eines über die Jahre organisch gewachsenen Weges. So kann ich mich mit den Fragestellungen, die mich an- und umtreiben, am besten auseinandersetzen. Beispielsweise bin ich geladene "Artist in Residence" in der Whitebox in München und arbeite mit dem Sozial- und Religionsphilosophen Prof. Dr. Michael Reder von der Hochschule für Philosophie zusammen. Unser interdisziplinäres Projekt beschäftigt sich mit interkulturellen und interreligiösen Spannungsfeldern.

Wann hast Du angefangen als Künstlerin zu arbeiten und warum?

Es war immer eine unbedingte Notwendigkeit für mich, mit der Außenwelt in Verbindung zu treten und aus dieser Begegnung heraus etwas zu schaffen und erfahrbar zu machen. Das hatte ich schon als Kind, mit stundenlangem Erkunden, Malen und energischem Hinterfragen und Diskutieren – vermutlich zum Leidwesen aller Erwachsenen. Konkret komme ich aus den Bereichen Musik und Theater, speziell Schauspiel und Gesang. Dann kam Fotografie hinzu, die dann im Studium in Videoarbeiten mündete. In der Kunst fühle ich mich frei. Die Möglichkeiten des Fragens, Aufzeigens, des Berührens und Gebens sind hier unendlich. Formgebung ist für mich dabei etwas Fließendes. Es ist ein fordernder, komplexer Beruf, der bei weitem nicht nur angenehm ist und dessen problematische Seiten unterschätzt werden. Für mich läuft im Künstlerischen alles zusammen, was mich antreibt, mich interessiert und herausfordert, alles, was ich brauche und vor allem alles, was ich geben möchte.

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Du hast in Wien Theater-, Film- und Medienwissenschaften studiert und Dich an der University of Malta in Philosophie und Kunstgeschichte weitergebildet. Inwieweit haben diese Studien Dein heutiges Schaffen beeinflusst?

Das Studium hat meine künstlerische Praxis kontinuierlich geprägt; die Medienwissenschaft bildete von Beginn an das Rückgrat meiner Arbeit, sei es der Input selbst oder Analytik und Methodik. Auch die Auseinandersetzung mit Körper und Raum, Künstlichkeit und Kulisse, Kontinuität und Bruch, Konstruktion und Spiegelung von Wirklichkeit aus dem theatralen und filmischen Kontext sind bis heute Quellen, auf die ich zurückgreife. Im Verbund mit Kunstgeschichte und Philosophie entstehen spannende Wechselwirkungen. Dazu kommt demnächst der postgraduale Abschluss an der Kunsthochschule für Medien in Köln, in deren praktisches Weiterbildungsprogramm ich im Bereich Medienkunst aufgenommen wurde.

Hast Du eine Art Königsdisziplin, ein Medium, in dem Du Dich zuhause fühlst?

Vermutlich haben mich filmische und fotografische Herangehensweisen am stärksten geprägt - ich bin stark visuell verankert. Eine Kamera ist mir als technisches Werkzeug sehr vertraut. Selbst wenn ich dreidimensional, wie im öffentlichen Raum arbeite, überprüfe ich die Umsetzungsplanung häufig abschließend mit dem "fotografischen Blick". Nach dem Visuellen kommt gleich alles dreidimensional Räumliche. Bei der Formatwahl geht es mir um Wirkungsweisen, Erfahrungsräume, emotionale Zugänglichkeit und Assoziationsräume. Nach diesen Kriterien ergibt sich je nach Thema das Medium. Häufig beginnt schon die Grundidee in einer bestimmten Form.

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Wie erklärst Du Deine Arbeitsweise einem Außenstehenden?

Was mir auffällt, ist, dass ich gerne zwischen den Medien, Materialien und Formen changiere sowie neue einbringe, um Raum für das Ungewisse zu schaffen. Das hat für mich eine spielerisch experimentelle Komponente, fordert aber vor allem heraus. Das gilt sowohl technisch als auch inhaltlich, da die Umsetzung die Wirkungsweisen des Inhaltes formt. Alles Ungewohnte bedingt Offenheit und Auseinandersetzung, um weiterzukommen. Dieser Weg ist zwar intensiv, da man selten in den Autopiloten schalten kann, aber sehr lohnend im Resultat. Das umschließt dann auch den Austausch mit technischen oder themenbezogenen Experten, die wiederum neue Dynamiken einbringen, sodass sich Synergien bilden können. Unsicherheit bedeutet kreative Reibung. Die westliche Gesellschaft hat Angst vor Risiken und Fehlern, aber gerade da liegt großes Potential.

In der Kunst wünsche ich mir generell mehr Risikobereitschaft und weniger klinische, vorhersehbare Produktions- und Zeige-Mechanismen.
— Lia Sáile

Du hast schon ein großes Spektrum an Projekten aufgestellt. Gibt es thematisch einen roten Faden, der sich durch Deine Arbeiten zieht?

Das wiederkehrende, verbindende Element ist bisher wohl die Grenze. Deren Überschreitung, Übergänge und Zwischenräume interessieren mich vor allem im interkulturellen, politischen und sozialen Kontext, aber auch strategisch in der Umsetzung. Inhaltlich finde ich den Mechanismus der Grenzziehung und des Öffnens sowie seiner Zwischenmomente sehr spannend. Da wäre zum Beispiel der Prozess individueller, aber auch kollektiver Identitätsbildung, speziell in Bezug auf Zugehörigkeit, Nationalität, Kultur. Dabei interessieren mich sowohl deren Wandlungsprozesse als auch deren Wiedereinschreibung. Das berührt dann Themen wie das gesellschaftliche oder persönliche Selbstbild, Herkunft, das Zuhause. Damit habe ich mich zum Beispiel in der ortsspezifischen Installation "Home Away From Home" (Sightfenster/Cityleaks Festival, Köln, 2017) beschäftigt, in der das Bild, das man sich vom "Fremden" macht, die Bedeutung und Funktionsweise des Zuhauses und die Wahrnehmung vom Anderen hinterfragt werden. Die Installation war von der Straße aus durchgehend einsehbar. Das Ausstellungsfenster ist in einem temporären Wohnheim für Asylsuchende situiert, das wiederum direkt vis-á-vis zu einem Hotel steht. Der Ort ist in sich schon spannungsvoll aufgeladen, entsprechend behutsam und nahbar musste die Arbeit sein. Ich habe fiktive Türen sowie eine reale Tür auf Stoffbahnen gedruckt und nebeneinander gereiht, die knapp über einem Sand-Boden schwebten. Darüber stand in leuchtender Neonschrift "Home" auf der einen und "Away From Home" auf der anderen Fensterseite. Dazwischen stand die Tür zum Sicherheitsdienst des Hauses, die als einzige reale Replikation aufgegriffen wurde. Der Titel bedeutet im Englischen tatsächlich "Zweites Zuhause". Den Text zur Arbeit habe ich ins Englische, Arabische, Persische und Französische übersetzen lassen.

 Installationsansicht, Home Away From Home, Sightfenster/Cityleaks Festival, Lia Sáile, Köln, 2017

Installationsansicht, Home Away From Home, Sightfenster/Cityleaks Festival, Lia Sáile, Köln, 2017

Was fasziniert Dich an der Grenze?

Formal und auf inhaltlicher Ebene ist für mich ihre Beweglichkeit spannend, und dass sie, je nach Kontext, anders definiert und bewertet wird, verhandelt wird, sich verschiebt, gar auflöst oder neu konstruiert wird. Es bilden sich bewegliche Schwellen und Zwischenbereiche. Es gibt verschiedene Durchlässigkeitsstufen und Sichtbarkeiten von Grenzformen. Jegliches Dazwischen ist ein spannungsgeladener Moment des Übergangs, der Auflösung, des nicht klar Definierten. Zum Beispiel auf verschiedene Sichtbarkeitsnuancen greife ich inhaltlich und formal immer wieder zurück. Das Beobachten der Bewegung von Nebel, der die Sicht auf den anvisierten Berg im Video-Triptychon The Mountain Emerges (2013) nie ganz zulässt, ist hier ein gutes Beispiel. Selbst das sehr konkrete Mauer-Projekt Largest Common Divider (Wien, 2014-15), in dem drei lebensgroße Grenzmauern aus Beton und Stahl an drei öffentlichen Orten in Wien aufgebaut wurden, bedient sich unter anderem der Versperrung der Sicht.

Mich interessiert im Grenzkontext die Konstruktion des "Anderen". Das hat eine stark politische und soziologische Dimension, die auf Ab-/Aus-Grenzung basiert. Marginalisierte Räume sind im Bereich gesellschaftlicher und politischer Ausschlussprinzipien sehr aufschlussreich. In Aachen arbeite ich gerade an einem Projekt zur städtisch ausgelobten bauplanerischen Neugestaltung eines Stadtteils nahe des Doms. Dort wird als Teil dieser Gentrifizierung eine Straße, in der ausschließlich 30 Bordelle stehen, abgerissen und neu aufgebaut. Am Ende derselben Straße ist ein Bordell-Komplex geplant. Der Prozess läuft seit einigen Jahren. An der Entwicklung sind Stadtplaner, Zuhälter, Architekten, Politiker, Investoren und Sozialarbeiter beteiligt. Da greifen sehr komplexe Bereiche ineinander: Politik, Gesellschaft, Recht, Kriminalität, Wirtschaft, Migration, Arbeit, Schicht, etc. Den direkten Zugang habe ich über Roshan Heiler bekommen, Leiterin einer Beratungsstelle für Opfer von Menschenhandel und Frauen in der Prostitution in Aachen, Teil der abolitionistischen Frauenrechtsorganisation Solwodi (Solidarity for women in distress). In dem stadtplanerischen Vorhaben Aachens und dem Umgang mit eben diesem wird "Sexarbeit" als Abseits, als blinder Fleck der Gesellschaft, aber vor allem auch als Macht-Raum in Form systemischer Strukturen erkennbar. Da entwickle ich gerade Strategien, diese Grenzen und Zwischenräume herauszuarbeiten.

 Film-Still, Einlagerung Israel/West Bank Wall, Blank Space, Largest Common Divider, Lia Sáile, Österreich, 2014

Film-Still, Einlagerung Israel/West Bank Wall, Blank Space, Largest Common Divider, Lia Sáile, Österreich, 2014

 Installationsansicht, USA/Mexico Barrier, Largest Common Divider, Lia Sáile, Margaretengürtel, Wien, 2014-2015, Foto: Severin Koller

Installationsansicht, USA/Mexico Barrier, Largest Common Divider, Lia Sáile, Margaretengürtel, Wien, 2014-2015, Foto: Severin Koller

 Installationsansicht, Belfast Peace Line, Largest Common Divider, Museumsquartier, Wien, 2014-2015, Foto: Severin Koller

Installationsansicht, Belfast Peace Line, Largest Common Divider, Museumsquartier, Wien, 2014-2015, Foto: Severin Koller

Du bezeichnest Dich selbst als nomadisch. Was genau bedeutet das und inwieweit ist das wichtig für Deine Arbeit und wirkt sich darauf aus?

Das Nomadische ist vielleicht ein zu romantisierter Begriff, der leicht in den Exotismus abgleiten kann, aber das Bild empfinde ich als passend. Viele meiner bisherigen Arbeiten sind im Ausland konzipiert oder entstanden - das inkludiert auch meine Ausstellungspraxis. Generell reise ich viel. Reisen ist ein Luxus, aber auch Ausdruck dieser Zeit, der vernetzten Welt. Das Nomadische hat für mich aber nicht nur die physische Komponente. Sich zwischen kulturellen und gedanklichen Räumen, Reflexions-Räumen, zu bewegen, ist mir wichtig, also, in Bewegung zu bleiben und Wege zu finden, in Kontakt zu kommen, Hintergründe zu hinterfragen, in Austausch zu gehen mit dem, was war, was ist, was berührt. Ich setze also verschiedene Wirklichkeits-Fragmente und -Konzepte in Beziehung und entwickle Formen, deren Spannungsfelder erfahrbar zu machen.

Vielen Dank Lia für das Gespräch!



Text & Fotos: Jennifer Rumbach
Produktion: Christoph Blank

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