Zwischen Fläche und Tiefe – Max van Dorsten und die Konstruktion fotografischer Räume
Mit dem Förderpreis der traditionsreichen Ausstellung DIE GROSSE wird in diesem Jahr ein Künstler ausgezeichnet, dessen Arbeiten sich konsequent einer eindeutigen Zuordnung entziehen. Max van Dorsten, 1999 geboren, versteht Fotografie nicht als Mittel der Abbildung, sondern als Ausgangspunkt für Konstruktion. Seine Bilder entstehen nicht im Moment des Auslösens – sie werden gebaut.
Als ihn die Nachricht über die Auszeichnung erreichte, war van Dorsten unterwegs. Ein Anruf, ein kurzer Moment der Unsicherheit über die Stabilität der Verbindung – dann die Bestätigung: Förderpreisträger 2026. Es ist die erste eigenständige Bewerbung des Künstlers bei DIE GROSSE, nachdem er im Vorjahr noch als Meisterschüler von Cornelius Völker mit der Klasse der Kunstakademie Münster vertreten war. Dass die Jury ihn nun nicht nur aufnimmt, sondern unmittelbar auszeichnet, verweist auf die Eigenständigkeit seines Ansatzes.
Van Dorstens Weg zur Fotografie verlief nicht geradlinig. An der Kunstakademie Münster begann er mit Zeichnung und Malerei, arbeitete zunächst mit fotografischen Vorlagen, die er in Öl übertrug. Erst im Verlauf seines Studiums verschob sich der Fokus. Die Möglichkeiten digitaler Bildbearbeitung eröffneten ihm eine neue Form der Kontrolle über das Bild – eine, die den malerischen Prozess zunehmend ersetzte. Die Fotografie wurde zum endgültigen Werk, nicht mehr zur Vorstufe.
Diese Herkunft bleibt in seinen Arbeiten spürbar. Van Dorstens Fotografien besitzen eine ausgeprägte Bildhaftigkeit, die über das Dokumentarische hinausgeht. Architekturfragmente, Vegetation, Lichtkanten und Schattenzonen fügen sich zu Kompositionen, die zwischen Fläche und Raum oszillieren. Perspektiven kippen, Tiefenräume scheinen sich zu öffnen und zugleich wieder zu schließen. Was zunächst als vertraute Ansicht erscheint, entzieht sich im nächsten Moment der eindeutigen Lesbarkeit.
Der Künstler beschreibt seine Bilder selbst als eine Art Bühnenräume – Inszenierungen, in denen Sichtbarkeit und Verdeckung, Nähe und Distanz, Fläche und Illusion miteinander verhandelt werden. Licht spielt dabei eine zentrale Rolle: Es strukturiert den Raum, lenkt den Blick und markiert Übergänge. Gleichzeitig bleibt stets eine Irritation bestehen. Hintergründe wirken zugleich fern und unmittelbar, Formen verlieren ihre Eindeutigkeit, Oberflächen gewinnen eine unerwartete Präsenz.
Diese Ambivalenz ist programmatisch. Van Dorsten nutzt die Erwartung, Fotografie liefere eine objektive Wiedergabe der Wirklichkeit, um sie gezielt zu unterlaufen. Seine Arbeiten bewegen sich an der Grenze zwischen Abbild und Konstruktion – und genau in diesem Zwischenbereich entfalten sie ihre Wirkung. Der Blick der Betrachterinnen und Betrachter wird nicht nur geführt, sondern auch verunsichert.
Früh hat sich diese eigenständige Position abgezeichnet. Bereits mit 21 Jahren zeigte van Dorsten erste Arbeiten öffentlich, es folgten Ausstellungen, unter anderem im Lehmbruck Museum, sowie eine Einzelausstellung in Bochum. Auch erste Sammlerinnen und Sammler wurden auf seine Arbeiten aufmerksam – ein Indiz für die Resonanz, die seine Bildsprache erzeugt.
Zentral für seinen Arbeitsprozess ist das Sammeln visuellen Materials auf Reisen. Dabei geht es weniger um das gezielte Suchen nach Motiven als um das Wahrnehmen von Lichtverhältnissen, Farbkonstellationen und räumlichen Situationen. Ob in Münster, Dortmund oder Bologna – einzelne Aufnahmen entstehen fragmentarisch und werden später im Studio weiterverarbeitet. Aus mehreren Bildern entwickeln sich neue Kompositionen, die ihre ursprünglichen Kontexte hinter sich lassen.
Auch der Druck ist Teil dieser künstlerischen Entscheidungskette. Van Dorsten produziert seine Arbeiten selbst und in kleinen Auflagen. Papier, Farbtiefe und Tonwertabstufungen werden präzise aufeinander abgestimmt. Die fotografische Arbeit endet für ihn nicht mit der digitalen Datei, sondern findet ihre endgültige Form erst im physischen Bildträger.
Bei der diesjährigen Ausgabe von DIE GROSSE, die im Kunstpalast Düsseldorf und im NRW-Forum Düsseldorf stattfindet, wird Max van Dorsten seine Arbeiten in einem eigenen Raum präsentieren. Noch befindet sich die Auswahl im Entstehungsprozess. Doch die Bildräume, die dort zu sehen sein werden, existieren bereits – als präzise gedachte Konstruktionen, die darauf warten, in Erscheinung zu treten.
Van Dorstens Arbeiten laden nicht zur schnellen Lektüre ein. Sie verlangen Aufmerksamkeit und ein bewusstes Sehen. Wer sich auf sie einlässt, betritt Räume, die zugleich gebaut und imaginär sind – und in denen die Grenzen der Fotografie neu verhandelt werden.
DIE GROSSE 2026: 05.07. bis 09.08.2026
Kunstpalast, NRW-Forum und Ehrenhof, Düsseldorf