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Wildnis und Kunst - Von der Moderne bis zur Gegenwart

Wildnis und Kunst - Von der Moderne bis zur Gegenwart

In Zeiten, in denen die weißen Flecken auf den Landkarten dieser Welt weitgehend verschwunden sind und ein unberührter Naturzustand fast nur noch in Form von ausgewiesenen Reservaten existiert, rückt die Wildnis wieder in den Fokus der Kunst. Die Suche nach letzten freien Plätzen, die Expedition als künstlerisches Medium, Visionen einer posthumanen Welt prägen die Werke vieler zeitgenössischer Künstler ebenso wie die Neuverhandlung des Verhältnisses von Mensch und Tier.

Bis zum 3. Februar 2019 widmet die Schirn der Faszination von der Wildnis eine umfassende Ausstellung, die Gemälde, Fotografien, Grafik, Video- und Soundarbeiten, Skulpturen und Installationen vereint, die den Verbindungen zwischen Wildnis und Kunst von der Moderne bis zur Gegenwart nachgehen.

Richard Long, A Circle in Scotland, 1986, © Richard Long, courtesy Lisson Gallery

Richard Long, A Circle in Scotland, 1986, © Richard Long, courtesy Lisson Gallery

Mit Wildnis steht ein kulturelles Konzept zur Diskussion, das seit jeher auch als Projektionsfläche für das Andere und das Fremde, für Gegenbilder und Sehnsuchtsfantasien jenseits der Grenzen einer selbsternannten Zivilisation dient. Im heutigen Zeitalter des “Menschen” erscheint die Utopie eines von Kultur und menschlichem Einfluss fernen Naturzustands überholt. Die Auseinandersetzung mit tradierten Bildern und Fiktionen von Wildnis aber erweist sich als lebendiger denn je.

Wildnis bezeichnet im traditionellen Wortsinn Örtlichkeiten und Instanzen, die sich dem menschlichen Zugriff verwehren und in denen die Natur sich selbst überlassen ist. So abstrakt und vieldeutig der Begriff Wildnis ist, so unmittelbar ruft er doch konkrete Bilder und Assoziationen hervor.

“Von überall her tönt derzeit ein neuer Ruf nach der Wildnis. Es ist eine weitverbreitete Sehnsucht nach ursprünglicher Natur, die wir als eskapistischen Reflex angesichts einer überregulierten und hyperkontrollierten Wirklichkeit deuten. Und es scheint, als führe gerade das Schwinden tatsächlicher Wildnisgebiete von der Erdoberfläche zu einer Konjunktur von Bildern und Fiktionen der Wildnis. Auch in der Kunst können wir seit einigen Jahren eine verstärkte Hinwendung zu Motiven beobachten, die mit dem kulturellen Konzept der Wildnis einhergehen.”
— Dr. Philipp Demandt, Direktor der Schirn Kunsthalle Frankfurt

Esther Schlicht, Kuratorin der Ausstellung: “Beim Thema Wildnis haben wir es seit jeher auch mit Bildern und Projektionen zu tun, in denen die Ängste und Sehnsüchte einer selbsternannten Zivilisation Ausdruck finden. Dabei geht die Idee der Wildnis an sich mit der künstlerischen Bildproduktion unmittelbar einher. An diesen Gedanken knüpft die Ausstellung an und sucht, wenn sie nach der Wildnis in der Kunst fragt, nicht in erster Linie den ikonografischen Darstellungskonventionen von Wildnis historisch nachzuspüren. Vielmehr ergründet sie – ausgehend von einer Reihe zeitgenössischer Positionen – die in die Romantik zurückreichende Beziehung von Kunst und Wildnis. In einzelnen Themenabschnitten rücken dabei bestimmte Aspekte wie die durch die Romantik vermittelte Ästhetik des Erhabenen, die Erkundung von Wildnis als künstlerischem Erfahrungsraum, die metaphorische Dimension von Wildnis als schöpferischem Prinzip und die Schaffung neuer, artifizieller Wildnis durch die Kunst in den Blick.“

Esther Schlicht, Kuratorin der Ausstellung, © Schirn Kunsthalle Frankfurt, Foto: Gaby Gerster

Esther Schlicht, Kuratorin der Ausstellung, © Schirn Kunsthalle Frankfurt, Foto: Gaby Gerster

Ein erster Themenbereich ist der Darstellung von Wildnis als ferner, unberührter Natur gewidmet und konfrontiert zeitgenössische Arbeiten mit einer Auswahl historischer Fotografien. In der Erweiterung dieser konzeptuellen Ansätze der Fotografie zeigt die Ausstellung auch Werke des Malers Gerhard Richter, der sich intensiv der Erneuerung der traditionsbeladenen Landschaftsmalerei widmete und dabei eine kritische Revision bestimmter, im deutschen Kontext historisch belasteter Motive der Wildnis unternahm.

Die Ausstellung untersucht Wildnis auch als künstlerischen Erfahrungsraum: Nicht nur als imaginäre Gegenwelt, sondern ebenso als Ort, der ihr Schaffen unmittelbar anregt, hat die Wildnis Künstlerinnen und Künstler immer wieder herausgefordert. Dabei bildeten sie die unberührten Naturräume nicht vorrangig ab, sondern eigneten sie sich durch direkte Konfrontation und intensive Auseinandersetzung an und machten sie so zu einem wesentlichen Bestandteil ihres Werks.

Thomas Struth, Paradise 21, Yuquehy/Brazil, 2001, 172,1 x 215,8 cm, © Thomas Struth

Thomas Struth, Paradise 21, Yuquehy/Brazil, 2001, 172,1 x 215,8 cm, © Thomas Struth

Ein weiterer Teil der Ausstellung geht der Frage der “inneren Wildnis” nach. Die Vorstellung einer unbekannten, vergessenen “Wildnis im Menschen” wurde Anfang des 20. Jahrhunderts zum Thema in der Kunst. Künstlerinnen und Künstler verschiedener avantgardistischer Bewegungen hinterfragten den Fortschrittsglauben der europäischen Zivilisation und verbanden das von Jean-Jacques Rousseau formulierte Ideal einer verborgenen oder verschütteten menschlichen Wildnis mit der Vision eines von erstarrten kulturellen Konventionen und rationaler Kontrolle befreiten Kunstschaffens. Die Wildnis als Widerpart der sogenannten Zivilisation entwickelte sich zum künstlerischen Konzept, ihre Darstellung wurde gleichsam zur Metapher – für innere Zustände, für eine auf Kontrollverlust, Trieb und Zufall begründete Kunst oder die Position des Künstlers selbst.

Der letzte Teil der Ausstellung wendet sich der Idee der Wildnis unter den Bedingungen des Anthropozäns, des “Zeitalters des Menschen”, zu. Nun, da auf der Erdoberfläche keine vom Menschen unberührten Überreste einer ursprünglichen Wildnis mehr vorstellbar sind, wird die Idee der Natur und damit einhergehend der Wildnis auch als künstlerische Kategorie neu gedacht. Im Mittelpunkt steht dabei die Suche nach Möglichkeiten zur Erschaffung einer neuen, künstlichen Wildnis, sei es im Sinne postapokalyptischer Zukunftsvisionen oder von sich selbst überlassenen sekundären Naturräumen jenseits des Menschen.

Lin May Saeed, The Liberation of Animals from their Cages XVII / Olifant Gate, 2016, Tool steel and lacquer, Courtesy Jacky Strenz, Frankfurt.; Nicolas Krupp, Basel; The artist, Foto: Wolfgang Günzel, Offenbach

Lin May Saeed, The Liberation of Animals from their Cages XVII / Olifant Gate, 2016, Tool steel and lacquer, Courtesy Jacky Strenz, Frankfurt.; Nicolas Krupp, Basel; The artist, Foto: Wolfgang Günzel, Offenbach

Künstler der Ausstellung

Darren Almond, Karel Appel, Hicham Berrada, Frères Bisson, Julian Charrière, Ian Cheng, Marcus Coates, Constant, Tacita Dean, Mark Dion, Jean Dubuffet, Max Ernst, Joan Fontcuberta, Luke Fowler, GUN (Group Ultra Niigata), Camille Henrot, Pieter Hugo, Asger Jorn, Per Kirkeby, Jacob Kirkegaard, Joachim Koester, Richard Long, Heinz Mack, Ana Mendieta, Helmut Middendorf, Georgia O’Keeffe, Richard Oelze, Gerhard Richter, Briton Rivière, Henri Rousseau, Lin May Saeed, Frank Stella, Thomas Struth, Carleton E. Watkins


Schirn Kunsthalle Frankfurt
01.11.2018 – 03.02.2019
www.schirn.de


Foto (Header): Ian Cheng, Something Thinking of You, 2015, Live simulation, infinite duration, sound, Work edition, unique in series of 7 and 1 AP, Courtesy the artist, Pilar Corrias Gallery, London, Gladstone Gallery, Standard (Oslo)
Quelle: Schirn Kunsthalle Frankfurt, Pressemitteilung


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