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Wilhelm Beermann, Ina Gerken, Anna Nero und Jonas Maas - Eine Einführung von Iris Hasler

Wilhelm Beermann, Ina Gerken, Anna Nero und Jonas Maas - Eine Einführung von Iris Hasler

Anfang November eröffnete die Ausstellung “RPR ART Lab: Wilhelm Beermann, Ina Gerken, Anna Nero und Jonas Mass in der Ausstellungshalle 1A in Frankfurt. Zur Eröffnung sprach Iris Hasler vom Städel Museum.

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Wilhelm Beermann, Ina Gerken, Jonas Maas und Anna Nero – die unsichtbare Verbindungslinie zwischen diesen vier jungen Künstlerinnen und Künstlern ist so einfach wie interessant: Alle vier kennen sich vom Grundstudium an der Kunsthochschule in Mainz, teilweise haben sie sich in Düsseldorf an der Kunstakademie wieder getroffen – wenngleich sie in unterschiedlichen Klassen studierten. Die Idee für eine gemeinsame Ausstellung entstand schon in der Mainzer Zeit, und nun kommen ihre Arbeiten hier tatsächlich zum ersten Mal in einer Präsentation zusammen.

Wilhelm Beermanns großformatige Arbeiten zeigen geometrische Formen und amorphe Figuren, die an menschliche – oder vielleicht auch tierische – Körper denken lassen. Es sind uneindeutige Kompositionen zwischen Figuration und Abstraktion. Auch wenn zu Beginn Skizzen gemacht und eine Vorgehensweise festgelegt werden, wird im Laufe des Arbeitsprozesses stets ein Stück weit davon abgerückt.

Beermann arbeitet mit verdünntem Industrielack auf glattem Aluminium. Mit Pinsel oder Spachtel aufgetragen und mit Schleifgerät oder Lösungsmittel abgetragen, reicht die Farbpalette von knallig-lebendig bis zurückgenommen-durchscheinend. Mittels der Farben und Formen findet ein Austarieren des Bildgleichgewichts statt, sie halten sich gegenseitig in Balance.

Wilhelm Beermann und Jonas Maas

Wilhelm Beermann und Jonas Maas

Wilhelm Beermann und Ina Gerken

Wilhelm Beermann und Ina Gerken

Es ist eine Ästhetik des Unfertigen mit bewusst freigelassenen Flächen und Formen. Und eine Ästhetik des Prozesshaften, die die Entstehung des Bildes offen zeigt, indem Pinselstriche, Absetzungen oder Spritzer stehen gelassen werden. Die einzelnen Farbschichten sind alles andere als flächig und homogen. Sie zeigen Maserungen und Schraffierungen, Luftbläschen und feine Schlieren. So ist es auch das Material selbst, das arbeitet, sich seinen Weg sucht, der vom Künstler natürlich gelenkt, aber nie in seinem vollen Umfang vorhergesehen oder kontrolliert wird. Es ist ein Zusammenwirken von Künstler und Material, von Zufall, Beobachtung und Absicht.

Zwischen Malerei und Druck, Zeichnung, Kalligrafie und Ecriture Automatique stehen Ina Gerkens gestische Arbeiten, die sich aus unterschiedlichsten abstrakten Zeichen, Formen, Abdrücken und Spuren zusammensetzen. Das Malen und Zeichnen erfolgt bei Gerken tatsächlich als eine Art automatisiertes Schreiben. In einer intuitiven Herangehensweise lässt sie sich ein auf das, was ohne Vorgedanken und Vorzeichnung in einer expressiv-gestischen Ausdrucksweise auf die Leinwand kommt. Mit offenem Ausgang, wird zuerst gemacht und dann gesehen. Aktuelle Stimmungen, Emotionen und Gefühlszustände können dabei durchaus in den Schaffensprozess miteinfließen.

Auf die Leinwand geklebtes Japanpapier wird überschrieben von Abdrücken, Verwischungen und aus der Tube gedrückten Zeichnungen und Linien. Ob der zahlreichen Überlagerungen und Schichten mag man an symbiotische Pflanzensysteme, Gesteinsablagerungen, in Stein geritzte Graffiti oder immer wieder aufs Neue beschriebene Wachstafeln denken. Man ist versucht, in den verschiedenen Elementen Formen oder Buchstaben zu erkennen oder zumindest zu erahnen. Während Gerken solch direkte Verweise früher eher zu unterbinden versuchte, werden sie mittlerweile zugelassen und als selbstverständlicher Teil des Entstehungsprozesses verstanden.

Ina Gerken und Jonas Maas

Ina Gerken und Jonas Maas

Ina Gerken

Ina Gerken

Gänzlich anders arbeitet Jonas Maas, dessen Werke den herkömmlichen Malereibegriff wohl am stärksten herausfordern. Zu seinen Werkzeugen zählen Pinsel und Säge ebenso wie der Computer und der Digital- und Offsetdruck. Einem rationalen, analytisch-konstruktiven Ansatz folgend, verbindet er digitale Bilderzeugung mit Malerei und Druck. Während der Entwurf auf dem Computer erfolgt und einige der Muster maschinell gedruckt werden, sind andere per Hand gemalt.

Auch in Maas’ Arbeiten überlagern sich mehrere Schichten, die sich gleichzeitig durchdringen, aneinander orientieren und unseren Sehsinn auf die Probe stellen: Welche Flächen nebeneinander oder ob sie über- oder untereinander liegen, lässt sich selbst bei genauer Betrachtung kaum sagen. Immer wieder wird das fälschlicherweise für so offensichtlich gehaltene System durchbrochen und ins Gegenteil gekehrt. Wo das Bild – oder besser: das Wandobjekt – beginnt und wo es endet, bleibt ebenfalls diffus. Die direkt an der Wand liegende Trägerkonstruktion begnügt sich nicht mit ihrer Funktion im Hintergrund, sondern drängt offensiv an den Rändern hervor, um sich als Teil des Werkes sichtbar zu machen.

Bei Jonas Maas erobert Malerei Raum, tatsächlich greifbaren Raum – wie auch in der fünfteiligen Arbeit aus immer wieder kehrenden – aber nicht immer in der gleichen Art wiederkehrenden – schwarzen und roten Streifen. Die treppenartige Anordnung erweitert das Bild als solches zu einem sich selbstständig im Raum fortsetzenden Muster.

Jonas Maas

Jonas Maas

In ähnlich kontrollierter und bedachter Weise entwickelt Anna Nero ihre Arbeiten, die virtuos zwischen Pop und expressiver Geste wechseln. Wie eine selbst zurechtgelegte Handlungsanweisung, beginnt sie mit geometrischen Rastern und Pattern, die später mit intuitiven Pinselstrichen und Schwüngen übermalt werden. Ein Mix aus strengen geometrischen Formen und verspielten Linienzügen. Konstruiert und spontan, geregelt und überbordend zugleich. Eine malerische Collage, in der sich Popkultur und Konstruktivismus, Graphikdesign, Mode und Hard Edge Malerei, Spielautomat und Dada auf mehreren Ebenen mischen. Die Protagonisten ihrer zugleich figurativen und abstrakten, an digitale Bildwelten erinnernden Gemälde sind die Formen und Gesten selbst, die aufgetragenen Farben und Texturen.

Auf den ersten Blick sind es sehr unterschiedliche Positionen, die jeweils ganz eigenständige Bildästhetiken entwickeln und verfolgen. Dennoch verbindet sie ein gemeinsames Anliegen. Es ist das Ausverhandeln, was Malerei heute, was zeitgenössische Malerei ist und sein kann. In einer von Bildern aller Art überschwemmten Zeit, ist es eine profunde Auseinandersetzung mit den Mitteln der Malerei sowie deren Eckpunkten und vermeintlichen Grenzen – insofern also vielmehr ein Ausloten der Verschiebungen und Erweiterungen jenseits vom tradierten Verständnis von Malerei.

Anna Nero

Anna Nero

Anna Nero

Anna Nero

Wilhelm Beermann, Ina Gerken, Jonas Maas, and Anna Nero - the invisible line connecting these four young artists is as simple as it is interesting: they know each other from their studies at Kunsthochschule Mainz, and some met again at Kunstakademie Düsseldorf – although they studied in different classes. The idea for a joint exhibition was already born during their time in Mainz, and now their works will be shown together for the first time.


Fotos: Neven Allgeier



English Version

Wilhelm Beermann’s large-format works depict geometric shapes and amorphous figures, which suggest human - or perhaps animal - bodies. They are ambiguous compositions between the figurative and the abstract. Even though he makes sketches and defines a procedure at the beginning, in the course of the work process, the execution will deviate somewhat.

Beermann works with diluted industrial paint on smooth aluminium. Applied with a brush or spatula and stripped with a sander or solvent, the colour palette ranges from lively-loud to restrained-translucent. With colours and shapes, the balance of the painting is achieved by using them as counterpoises.

It is an aesthetics of the unfinished with deliberately spared surfaces and shapes, as well as an aesthetic of the processual that highlights the creation of the image by retaining brushstrokes, drops, or splashes. The individual layers of paint are anything but flat and homogeneous. They show texture and shadings, air bubbles and fine streaks. It is also the material itself that works, seeks its way, naturally directed by the artist, but never fully anticipated or controlled. It is an interaction of artist and material, of coincidence, observation, and intention.

Ina Gerken’s gestural works, which are composed of different abstract symbols, shapes, impressions, and traces operate at the intersection between painting and printing, drawing, calligraphy and Ecriture Automatique. In a way, Gerken’s painting and drawing process is a type of automated writing. In an intuitive approach, she allows what appears on the canvas in an expressive-gestural way, without prejudice or preliminary sketch. With a yet-to-be-determined result, creation comes first, seeing and perceiving second. Current moods, emotions, and emotional states are incorporated into the process.

Japanese paper glued onto the canvas is overwritten by impressions and blurring, drawings and lines squeezed out of the tube. Facing the numerous superimpositions and layers, one may think of symbiotic plant systems, rock deposits, graffiti carved in stone, or wax tablets that are written over again and again. One is tempted to recognise or surmise shapes or letters in the various elements. While previously, Gerken tried to prevent such direct references, they are now permitted and understood as a natural part of the process of creation.

Jonas Maas works differently; his works probably challenge the conventional concept of painting the most. His tools include brush and saw, as well as the computer, and digital and offset printing. Following a rational, analytical-constructive approach, he combines digital imaging with painting and printing. While the draft is developed on the computer and some of the patterns are machine printed, others are hand-painted.

In Maas’ works, too, several layers overlap, often interpenetrating and at the same time orientated toward one another, challenging our sense of vision: It is almost impossible to determine which surfaces are next to each other or above or below each other, even when examined more closely. Time and again, this system which is erroneously considered to be so obvious is breached and reversed. Where the painting - or better: the wall object - begins and where it ends also remains diffuse. The support structure on the wall is not content with its function in the background but aggressively pushes at the edges to make itself visible as part of the work.

Jonas Maas’ paintings conquer space, in fact, physical space – as in the five-part work of recurring black and red stripes, which, however, are not always recurring in the same way. The staircase-like arrangement extends the image as such to a self-sustaining pattern continuing within a space.

Anna Nero develops her works, which shift virtuosically between pop and expressive gestures in a similarly controlled and thoughtful way. Following a self-composed course of action, she begins with geometric grids and patterns, which are later painted over with intuitive brush strokes and swings: A mix of rigid geometric shapes and playful lines. Constructed and spontaneous, controlled and exuberant at the same time. A painterly collage mixing pop culture and constructivism, graphic design, fashion, and hard edge painting, slot machine, and Dadaism on several levels. The protagonists of her at the same time figurative and abstract paintings reminiscent of digital imagery are the forms and gestures themselves, the applied colours and textures.

At first glance, the works by Wilhelm Beermann, Ina Gerken, Jonas Maas and Anna Nero are very different positions, each of which develops and pursues completely independent pictorial aesthetics. Nevertheless, they are connected by a common cause. It is negotiating what painting is and can be today. In a time flooded with images of all sorts, it is a profound examination of the means of painting as well as its cornerstones and supposed boundaries – in this sense, rather, an exploration of shifts and expansions beyond the traditional understanding of painting.

Wildnis und Kunst - Von der Moderne bis zur Gegenwart

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Friendly Symbols - Christian Bär und Manuel Schneidewind

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