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Fotogene Zeichnungen - Ein Gespräch mit der Künstlerin Berit Schneidereit

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Berit Schneidereit ist 1988 in Frankfurt am Main geboren und hat bis 2017 an der Kunstakademie in Düsseldorf studiert. Die Meisterschülerin von Andreas Gurksy arbeitet und lebt als freischaffende Künstlerin in Düsseldorf. Im Januar 2018 haben wir sie in ihrem Studio besucht.

Wann hast Du angefangen als Künstler zu arbeiten und warum?

Das ist schwierig zu sagen. Wann ist man ein Künstler? Meine Entscheidung etwas formulieren zu wollen, fiel schon vor dem Studium. Sich zu finden, dass heißt eine eigene Sprache zu entwickelt, war ein Prozess. Ich habe die ersten Jahre in einer Bildhauerklasse studiert und war so angehalten meine Arbeiten aus einer anderen Perspektive heraus zu betrachten. Auf diese Weise war ich immer wieder aufgefordert, meine Vorliebe für das Medium der Fotografie bzw. das Arbeiten mit lichtsensitivem Material vor anderen Positionen zu hinterfragen. Dieser Diskurs war für mich und das, was ich heute mache, sehr wichtig.

Wie war Dein Weg zu dem, was Du heute künstlerisch machst?

Zeichnen, dreidimensionales Arbeiten oder die Fotografie waren schon früh Teil meiner Sprache. Während eines Auslandsjahres habe ich dann die Dunkelkammer für mich entdeckt. Die ersten Bilder, die dort entstanden, waren Fotogramme meiner Hand, später von Stoffen. Als ich angefangen habe an der Akademie zu studieren, war dies mein Ausgangspunkt und eine Technik, die nach wie vor, ob direkt oder indirekt, einen wesentlichen Teil meiner Arbeit ausmacht.

 
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Wer oder was hat Dich beeinflusst?

Das ist nicht einfach einzugrenzen. Die ersten fotografischen Arbeiten wie der "Blick aus dem Arbeitszimmer von Le Gras" von Nicéphore Niépce oder die fotogenen Zeichnungen von William Henry Fox Talbot sind für mich wichtige Bezugspunkte, genauso die Werke des Bauhaus, beispielsweise der Licht-Raum Modulator von Lazlo Moholy-Nagy. Einer meiner favorisierten Orte in Düsseldorf ist der Amerikanersaal im K20. Die Werke von Ellsworth Kelly und Ad Reinhardt zu sehen, ist beeindruckend. Ich habe 2010 die black paintings, die letzten Bilder, im Josef Albers Museum in Bottrop sehen können. Diese Ausstellung hat definitiv ihre Spuren hinterlassen. Häufig sind es aber auch Gebäude oder Gärten, denn ein Teil meiner Arbeiten entsteht außerhalb des Ateliers. Spezifische Orte, die eine besondere Rolle innerhalb des urbanen Raumes spielen oder gespielt haben, interessieren mich sehr.

Du hast 2017 in der Klasse von Andreas Gursky an der Kunstakademie Düsseldorf Deinen Abschluss gemacht. Inwieweit prägt das Deine Arbeiten?

Dieses Fokussieren zwischen Nähe und Ferne, winzigen Details und dem großen Ganzen, ist inhaltlich wie formal für mich sehr spannend. Auf den ersten Blick gibt es bei meinen Arbeiten vielleicht keine direkten Bezüge, aber in der Herangehensweise definitiv Ähnlichkeiten. Letztlich sind seine Werke auch ein Teil meines visuellen Gedächtnisses und haben mich schon zu einem früheren Zeitpunkt geprägt. 

 
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Welches Anliegen verfolgst Du mit Deiner Kunst? Was möchtest Du ausdrücken?

Meine Arbeiten setzen sich aus verschiedenen Techniken und Strategien zusammen. Ihnen gemeinsam ist ein Wunsch des Erfassens. Eine Analyse dessen, was Bildraum und realer Raum kommunizieren. Dabei zeige ich Details, Nebenschauplätze, die, herausgelöst aus ihrem Kontext und durch meine Eingriffe, eine besondere Kraft entwickeln. In der Umsetzung sind es vielmehr gedachte als reale Räume, die sich manchmal auch völlig abstrakt in den Bildern wieder finden. Die Interaktion von Natur und Architektur wird dabei immer wieder thematisiert. Es ist ein Spiel mit Nähe und Distanz, Realität und Suggestion. Die Übertragung des Bildes in ein anderes Medium, vom Positiv zum Negativ und zurück, hinterlässt Spuren und Fehler, die einen aufmerksamen Blick fordern. Dieser Prozess führt zu einer weiteren Distanzierung und Abstraktion. Im Kontext einer Ausstellung funktionieren die Arbeiten wie Fenster, die den realen Raum um eine Parallelwelt erweitern.

Welche Techniken und Materialien bevorzugst Du?

Ich springe gerne zwischen den Techniken. Analoge und digitale Fotografie, experimentelle Techniken wie die des Fotogramms. Für meine Arbeiten entstehen auch hybride Formen aus diesen verschiedenen Etappen der Fotografie-Geschichte. Ich versuche möglichst frei und unvoreingenommen gegenüber den einzelnen Techniken zu sein, um für meine Arbeiten eine geeignete Form zu finden. Ich bin in dieser Hinsicht keine Dogmatikerin. Das Medium der Fotografie hat in seiner Entwicklung viele unterschiedliche Wege der Bildproduktion hervor gebracht, die ich für mich nutzen kann. Ein Teil dieses Prozesses ist sicherlich auch der Zufall. Das Arbeiten in der Dunkelkammer lässt mir viel Freiraum für Experimente. Mein bevorzugtes Material und Ausgangspunkt ist daher in der Summe der Techniken das Licht.

 
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Gibt es ein Werk, in das Du besonders viel Energie und Gefühl investiert hast?

Nein, ich denke nicht. Es kann sein, dass bestimmte Arbeiten in der Umsetzung komplizierter sind und daher mehr Zeit brauchen, aber erstmal gehe ich an alle Arbeiten mit gleich viel Energie und Gefühl heran. 

Wenn Dich ein Kind fragt, was Du künstlerisch machst, was antwortest Du?

Schattenzeichnungen

Das ist interessant, da Du ja überhaupt nicht zeichnest!

Ich denke an Zeichnungen eher im übertragenen Sinn. Die Unmittelbarkeit meines Ausdrucks ist ebenso ein wesentlicher Teil des Fotogramms. Hinzu kommt natürlich die Tatsache, dass diese Arbeiten ebensowenig reproduzierbar sind. Talbot verwendete für seine frühen Werke den Begriff der "fotogenen Zeichnung", den ich treffend finde. 

 
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Sammelst Du Arbeiten von anderen Künstlern?

Sammeln kann man es vielleicht noch nicht nennen, aber ich besitze einige Arbeiten von befreundeten Künstlerinnen und Künstlern wie Vivian Greven, Laura Sachs oder Sebastian Wickeroth, die ich sehr schätze. Interessanterweise sind bisher alle Arbeiten schwarz-weiß!

Du bist jung und stehst am Anfang Deiner künstlerischen Schaffensphase. Wie sind Deine bisherigen Erfahrungen im Kunstmarkt und was rätst Du anderen jungen Künstlern bzw. Akademie-Absolventen?

Da ich im Februar 2017 meinen Abschluss an der Akademie gemacht habe, ist der Kunstmarkt für mich ebenfalls noch relativ unbekanntes Gebiet. Allerdings habe ich versucht mir während des Studiums vieles anzusehen, um ein Gefühl dafür zu entwickeln, welcher Weg für mich interessant sein könnte.

Inwieweit verändert die Digitalisierung den Kunstmarkt?

Für den Kunstmarkt zu sprechen, empfinde ich als schwierig. Ich merke aber, dass sich die Art und Weise wie man heute Kunst digital kommuniziert einen großen Einfluss auf ihre Rezeption hat. Für mich als Künstlerin ist es auf der einen Seite bereichernd, da ich über Medien wie Instagram mit sehr viel Kunst konfrontiert werde und demnach weitaus mehr sehe als mir über Ausstellungsbesuche möglich wäre. Auf der anderen Seite führt es zu einer gewissen Oberflächlichkeit, die ich problematisch finde. Letztlich ist es immer etwas anders mit einem Kunstwerk im Raum zu interagieren. Aspekte wie Material und Präsenz sind nur im realen Raum in ihrem vollen Ausmaß erfassbar. Letztlich untergräbt diese Form der Kunstrezeption die eigene Sensibilität.

Vielen Dank für das Gespräch, Berit!

www.beritschneidereit.de

Text & Produktion: Christoph Blank
Fotos: Jennifer Rumbach
Fotos (Installationsansichten): Terrain, 2017, COSAR HMT