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Hundert Jahre Kunstpunkte - Ein Kommentar von Detlev Foth

Hundert Jahre Kunstpunkte - Ein Kommentar von Detlev Foth

Gut, es sind erst 21 Jahre, Kunstpunktejahre sozusagen. Und Kunstpunktejahre sind verlorene Jahre. Warum das? Weil die Inszenierungen sich seit 1997 nicht verbessert haben.

Die Künstler spielen unverdrossen das völlig überholte Stück "Künstler im Atelier", wahlweise "Dem Künstler über die Schulter geschaut", und der Besucher schreibt einen Aufsatz: "Als ich mich in die Höhle des Löwen begab", und das Kulturamt ist zufrieden, da hat man jetzt einmal mehr 40.000 Euro in eine gute Tat investiert, sehr viel Geld, und das trotz Sponsoring durch die Düsseldorfer Stadtwerke.

Dass der Druck von Plakaten und Einladungskarten eine derartige Summe verschlingt, wäre eine berechtigte Frage, kann aber hier nicht beantwortet werden. Die Stadt Düsseldorf, in aller Welt bekannt aufgrund seiner einzigartigen Kunstakademie, leistet sich ein peinliches Possenstück, in dem die Kunst auf den Strich geführt und der Besucher zum Voyeur bzw. zum Nachhilfeschüler in Sachen Kultur gemacht wird, wenn auch aus freien Stücken.

Warum dies so ist? Die meisten Künstler, die sich an den Kunstpunkten, den Tagen der offenen Ateliers, beteiligen, tun dieses nicht im Sinne einer Aufklärungsarbeit, einer allgemeinen Kunsterläuterung oder gar aus einer dem Künstler offenbar ganz eigenen Menschenliebe, sondern aus purer Not. Schlicht gesagt, sie warten auf Kundschaft. Wie viele der 65.000 Besucher der letzten Jahre gehörten wohl zu den wirklichen Sammlern oder wenigstens zu den vom Himmel geschickten Gelegenheitskäufern?

Überzogene Erwartungen? Vielleicht. Und doch: jene Künstler, die nicht an den Kunstpunkten teilnehmen, sind entweder wohlhabend oder haben es auf dem Kunstmarkt geschafft, wobei das eine das andere nicht ausschließt, schließlich ist beides möglich. Oder: vielleicht aber haben sie auch ganz aufgegeben oder sind unbemerkt verstorben. Gewinner und Verlierer stehen demnach gleichermaßen nicht auf den langen Kunstpunkte-Listen des Kulturamts, sind also nicht "besuchbar". Wer aber steht auf der Liste? Die Originalbesetzung Düsseldorfer Künstler - in manchen Ateliers gibt’s sogar Suppe und Schnaps für lau! Musik und Tanz, ganz umsonst!

Von den mehr als 500 Künstlern ist, so schätze ich, die Mehrheit peinlich berührt, wenn man, fast hinter vorgehaltenem Mund, ganz unter Kollegen, die Sprache auf die alljährlichen "Kunstpunkte" bringt. Warum? Weil die Kunstpunkte weder eine gute Ausstellung bedeuten noch ernsthaften Besuch in Aussicht stellen, weil sie für viele gelangweilte Menschen in erster Linie ein Wochenendausflug in den regionalen Künstlerzoo sind, und weil die Künstler, wie auf manch anderer Geschäfts- oder Lebensebene, eindeutig den Kürzeren ziehen, wenn sie jedermann die Türe öffnen - eine Begegnung von Fremden auf dem Bahnsteig zwischen zwei Zügen könnte nicht trügerischer bzw. verstörender sein.

Mit großem Besucheransturm, so heißt es alle Jahre wieder, rechneten die Atelierhäuser Lierenfelder Straße 39, Himmelgeister Straße 107 (Salzmannbau) und Reisholzer Werftstraße 75/77 (Kunst im Hafen e.V.) im Süden, das Atelierhaus Sittarder Straße 5 und das Atelierhaus Kalkumer Straße 85 im Norden. Das größte Atelierhaus Düsseldorfs, die ehemalige Leitz-Fabrik, Walzwerkstraße 14, erwarte, so hört man stets, einen besonders gewaltigen Besucheransturm, wobei die 266, 309 oder 311 anderen Standorte um jeden Besucher, der dann, wie vermutlich auch überall sonst, unverrichteter Dinge das Atelier verlassen würde, kämpfen mussten.

Schenkte man den ebenso alljährlich veröffentlichten statistischen Erhebungen der KSK und dem Boesner-Handbuch der Wahrheiten Glauben, so glich der Kunstpunkte-Rundgang einer Begehung von Armuts-Standorten durch den Bildungs-Bürger, der ausgerechnet an diesen nach Gold suchte, für das nicht zu zahlen war, und wenn nicht das, so sich doch wenigstens ein exklusives Schnäppchen erhoffte, nicht zuletzt für die Mühe, sich auf die Socken gemacht zu haben.

Nun kann man natürlich anführen, wer so über seinen Besuch spricht, habe auch keinen verdient; man könnte auch vermuten, dieses Essay stamme von einem Künstler, der unrettbar verbittert sei, gebeutelt von Misserfolg und ähnlichem Unbill, wobei derlei Vermutungen bzw. Unterstellungen eine gewisse Tradition haben, welche den bürgerlichen Rätselrater selbstverständlich nicht entlastet, sondern vielmehr überführt. Wie es Mode ist, erwartet der Leser vom Autor eines solchen Textes, welcher mehr Schmähschrift denn Kritik ist, konstruktive Verbesserungsvorschläge, alternative Konzepte usw., sicher. Nur, um es mit Brecht zu sagen, "Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen."

Doch eines ist gewiss, die Kunstpunkte kommen, ob es Sinn macht oder nicht:

1. Wochenende: 16. und 17. September 2017 / Düsseldorf, Süden
2. Wochenende: 23. und 24. September 2017 / Düsseldorf, Norden

Ein Kommentar von Detlev Foth




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