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Ich oute mich: Ich bin Fan - Ein Gespräch mit Alain Bieber vom NRW-Forum

Ich oute mich: Ich bin Fan - Ein Gespräch mit Alain Bieber vom NRW-Forum

Seit dem 1. April 2015 ist der deutsch-französische Autor, Journalist und Kurator Alain Bieber künstlerischer Leiter und Geschäftsführer des NRW-Forums. Bieber wurde 1978 in Wesel geboren und hat Allgemeine Rhetorik, Kommunikations- und Politikwissenschaft, Neuere Deutsche Literatur und Soziologie in Tübingen und Paris studiert. Von 2007 bis 2010 hat er beim Kunstmagazin art als Onlineredakteur, später als Projektleiter und Chefredakteur von ARTE Creative, einem Onlinemagazin, Netzwerk und Labor für zeitgenössische Kultur des europäischen Senders ARTE in Straßburg gearbeitet. Wir haben uns mit Bieber getroffen und mit ihm über die bisherige Zeit in Düsseldorf und seine Zukunftspläne gesprochen.

Herr Bieber, Sie sind jetzt seit zweieinhalb Jahren beim NRW Forum. Was hat sich rückblickend dort seither verändert? Was machen Sie anders?

Das NRW-Forum war schon immer sehr interdisziplinär, wir sind jetzt noch ein bisschen zeitgenössischer geworden. Die DNA ist jetzt Fotografie, Popkultur und digitale Kultur. Diese drei Bestandteile sollen sich durch alle Bereiche ziehen. Deshalb haben wir, neben dem Relaunch unseres Erscheinungsbildes, wie Webseite und Logo durch die Agentur KesselsKramer, auch einen neuen Shop-Betreiber gesucht. Das ist jetzt Soda Books, die es auch in Berlin und in München gibt und die noch mal ein ganz anderes Sortiment mit einbringen, zum Beispiel viel mehr Magazine und zeitgenössische Veröffentlichungen. Weiterhin haben wir einen neuen Gastronomie-Partner, der aus dem Bereich Popkultur kommt, das ist die SSC Group, die auch das New Fall Festival und Parklife hier in Düsseldorf veranstalten. Pong heißt das Ganze. Pong steht für Popkultur und Gastronomie. Das Interieur hat sich verändert und das kulinarische Konzept. Die Küche ist frischer und regionaler geworden und darüber hinaus gibt es Überlegungen, gemeinsame Veranstaltungen wie Lesungen, Performances, Konzerte und Clubabende hier im NRW-Forum durchzuführen. Unser Ziel ist es, das Ganze zu einem Gesamtkunstwerk werden zu lassen in allen Bereichen, den Ausstellungen, den Veranstaltungen, im Shop und im Gastronomieangebot.

Im Bereich Vermittlung haben wir auch Vieles neu gemacht. Wir haben eine Digitalwerkstatt aufgebaut, in der wir Kindern und Jugendlichen auf eine sehr spielerische Art Programmierkenntnisse beibringen. Da kann man mit Tools wie "Tinkerbots" programmierbare Roboter bauen. Wir haben einen Hacker, der Teenagern in einem Kurs das "White Hat Hacking" beibringt. Wir möchten Alleinstellungsmerkmale schaffen, näher am Zeitgeist sein und die generelle Verweildauer steigern. Man kann die Ausstellung besuchen, ins Konzert gehen, zum Essen bleiben. Im Prinzip kann man den ganzen Tag hier verbringen.

Hatten Sie anfangs Angst, der Sache nicht gerecht werden zu können?

Nein. Ehrlich gesagt habe ich, klingt jetzt vielleicht doof, vor nichts mehr Angst. Es gibt im Leben verschiedene Momente, in denen man ein bisschen ängstlicher ist, aber wenn man über den Punkt hinweg ist, lebt es sich viel entspannter und freier. Und wenn man Angst im Job hat, ist sowieso alles vorbei. Das sollte man nie haben. Es gibt zu viele Leute, die Angst haben ihren Job zu verlieren oder etwas falsch zu machen. Gerade im Kunst- und Kulturbereich sollte man das besser nicht haben. Das ist ja einer der freiesten und experimentellsten Bereiche, da kann man auch mal was ausprobieren. Schlingensief hat vor zehn Jahren schon gesagt "Scheitern als Chance", das muss man mal ausprobieren. Es ist ja nichts in Stein gemeißelt, nur dann kann etwas Neues entstehen.

Was hat sich für Sie persönlich verändert, seit Sie in Düsseldorf sind?

Dass ich jetzt in Düsseldorf lebe, finde ich super. Das ist wirklich eine schöne Stadt, hat die richtige Größe und für die Größe der Stadt eine unglaubliche Dichte an sehr hochwertigen Kunst- und Kulturprogrammen. Das finde ich bemerkenswert. Ich schaffe es schon fast selbst nicht mehr, auf alle Vernissagen zu gehen, auf die ich eingeladen werde. In Straßburg war das viel weniger. Da hatte ich manchmal das Gefühl, dass ich kulturell ein bisschen verkümmere, aber hier gibt es ein so großes Angebot an Museen, Ausstellungshäusern, Off-Räumen oder Galerien und wenn man die Region hinzu nimmt, dann ist das echt herausragend. Für mich als Familienvater mit zwei kleinen Kindern hat Düsseldorf auch die richtige Größe mit vielen Grünflächen und es hat so eine Entspanntheit. Man wird ja auch älter und jetzt fände ich so eine Stadt wie Berlin zum Leben echt anstrengend. Ansonsten hat sich natürlich mein Arbeitsfeld ein bisschen verschoben. Als Online-Redakteur beim "art-Magazin" habe ich nur geschrieben und bei "Arte Creative" habe ich mich nur um die inhaltlichen Projekte gekümmert. Was jetzt neu ist, ist, dass ich ja nicht nur der künstlerische Leiter des NRW-Forums bin, sondern auch der Geschäftsführer, das heißt ich habe viele repräsentative Funktionen, ich muss Anträge stellen und vieles organisieren. Es gibt sehr viele unterschiedliche Bereiche, ich kann mich nicht nur auf das Ausstellungsprogramm und die Veranstaltungen konzentrieren. Außerdem sind wir ein sehr kleines Team. Das empfinde ich aber als Vorteil, dadurch macht man alles so ein bisschen mit.

Entstehen die Ideen für die Ausstellungen auch im Team, oder liegt das eher in Ihrer Hand?

Das liegt am ehesten in meiner Hand, aber es ist so, dass ich mittlerweile auf einen Pool an unterschiedlichsten Menschen und Kollegen zurückgreifen kann, die mir auch immer wieder Ideen zurufen. Bei der letzten Ausstellungsplanung "Mythos - Tour de France", das war aber auch mein eigenes Ausstellungsprojekt, habe ich beispielsweise bei Facebook herumgefragt und so eine Art Crowd-Curating ins Rollen gebracht. Wir arbeiten aber auch ganz oft mit freien Kuratoren zusammen, die schon eigene Ideen und Konzepte im Kopf haben. Zum Beispiel "Bling Bling Baby" war so eine Ausstellung, da kam die Kuratorin Nadine Barth mit ihrem Konzept auf uns zu und hatte sich schon jahrelang mit dem Thema auseinandergesetzt und Bilder gesammelt. Oder es gibt Wanderausstellungen wie beispielsweise "Gute Aussichten - junge deutsche Fotografie", die bei uns Station machen. Und es gibt eben auch Ausstellungsprojekte, auf die habe ich selbst richtig Lust und dann suche ich mir Partner, um diese zu realisieren.

Gibt es jemanden, der Sie maßregelt, also jemanden, der Sie und Ihre Ideen manchmal ausbremsen muss, damit es nicht zu wild wird? Oder können Sie alles machen?

Nein, so jemanden gibt es eigentlich nicht. Trotzdem kann ich nicht alles machen. Wir haben einen Aufsichtsrat und wir sind an einem festen Platz verortet. Wir haben begrenzte Budgets und sind auf Fördergelder und Eintrittsgelder angewiesen. Das heißt so komplett durchgeknallt und experimentell kann ein Ausstellungsprojekt auch nicht sein. Wir brauchen die Besucher und ich will auch nicht so ein intellektuell verkopftes Programm machen, das am Ende nur zehn Leute interessiert. Ich freue mich ja, mit den Künstlern Projekte zu erarbeiten, die viele Menschen erreichen. Die Vermittlung ist wichtig, dass die Besucher mitgenommen werden und einen Zugang zu den Arbeiten finden. Das ist natürlich eine Form von Vorgabe. Weiterhin ist die Presse ein wichtiges Kriterium. Aber es ist auch ein Konflikt. Es gibt Kunst- und Kulturschaffende, die sagen Besucherzahlen sind für die Kunst nicht relevant. Ich habe neulich einen lustigen Spruch gehört, dass es Kustoden in Museen gibt, die sagen, montags sei ihr Lieblingstag, weil dann keine Besucher im Haus sind. Diese Meinung gibt es noch häufig.

Sind Sie nach wie vor aktiv in Puncto Street Art?

Aktiv in dem Sinne, dass ich selber Kunst gemacht habe, war ich ja nie, aber ich habe mich immer für das Thema interessiert. Ich beobachte die Szene immer noch sehr aufmerksam. In der letzten Zeit habe ich aber gar nicht mehr so viele Künstler oder Werke gesehen, die mich so begeistert haben, dass ich sage "Wow". Es gibt in der Szene mittlerweile viele Leute, die mehr in die kommerziellere Design-Schiene gegangen sind, die Auftragsarbeiten machen oder ihre Sachen in Galerien verkaufen. Es gibt so eine Gruppe an Leuten mit Graffiti-Background, die in den Kunstbereich gegangen sind und da auch sehr erfolgreich sind. Bei unserer Ausstellung "Planet B" waren auch einige der Leute dabei, aber die haben dann keine Graffiti-Arbeiten gemacht, sondern die Idee von Street Art wie Hacking oder interventionistische Eingriffe im öffentlichen Raum umgesetzt und das war dann Teil des Gesamtprojektes.

Momentan läuft die Ausstellung "Mythos - Tour de France". Haben Sie als Halbfranzose auch einen persönlichen Bezug zur "Tour de France"? Oder was fasziniert Sie persönlich an dem Thema?

Als wir gehört haben, dass der Grand Départ nach Düsseldorf kommt, haben wir angefangen zu recherchieren und da ist uns natürlich schnell aufgefallen, dass es wirklich sehr viele Fotografen und Künstler gibt, die sich mit dem Thema beschäftigt haben. Seit über 100 Jahren gibt es die Tour de France und sie ist ja schon immer ein mediales Spektakel gewesen. Sie wurde ja auch von der Sportzeitung L’Auto gegründet. Es wurde das härteste Rennen der Welt ausgerufen und natürlich gab und gibt es da für Fotografen die Möglichkeiten tolle Portraits von erschöpften Fahrern zu machen, schöne Landschaftsaufnahmen und auch immer wieder skurrile Geschichten, die so am Wegesrand passieren. Den Facettenreichtum haben wir versucht in der Ausstellung abzubilden mit einer Mischung aus historischem Material, wie ein Film aus den 1960er Jahren von Louis Malle oder ein paar große Namen wie Andreas Gursky mit seinem Tour-Bild oder Timm Kölln, der die Fahrer nach dem Zieleinlauf portraitiert hat oder eine sehr poetische Reihe von Olaf Unverzart, der die Strecken selber abgefahren ist ohne Menschen und Spektakel. Außerdem haben wir auch noch den Kraftwerk-Film und das Kraftwerk-Fahrrad neu dazu bekommen. Da gab es bei der Übergabe eine Edition von 21 Stück, die direkt nach einem Tag für 10.000 Euro pro Fahrrad ausverkauft war.

Erzählen Sie mal was zur nächsten Ausstellung "Erik Kessels & Friends"!

Ich bin eigentlich nicht so ein Groupie, der vor irgendwelchen Leuten auf die Knie geht –Erik Kessels ist da eine große Ausnahme. Ich oute mich: Ich bin Fan! Er gehört zu meinen großen Helden. Für mich war es immer schon ein Traum, mal mit ihm zusammen zu arbeiten, deswegen habe ich mich auch gefreut, dass er das neue CI für das NRW-Forum entwickelt hat. Er ist seit über zehn Jahren als Künstler, Kurator und Verlagsinhaber aktiv, deshalb freue ich mich, dass wir die ersten in Deutschland sind, die eine große Retrospektive zeigen. Er war nominiert bei "Deutsche Börse Photography", diesem Fotowettbewerb in Frankfurt und ich finde, es ist einfach ein sehr spannender und zeitgenössischer Umgang mit Fotografie. Erik Kessels ist ein absoluter Fotografie-Fanatiker, aber er fotografiert gar nicht selbst, sondern arbeitet eigentlich nur mit Amateurfotografien, die er auf Flohmärkten oder im Internet findet und erzählt dann Geschichten dazu. Er sagt selber, dass er das Gefühl hat, dass schon Vieles fotografiert wurde, aber die Geschichten dahinter sind noch nicht alle erzählt und darum geht es ihm ganz oft. Zum Beispiel gibt es die Geschichte von dem Mann, der seine Frau über einen langen Zeitraum portraitiert hat und je älter die Frau wird, um so mehr distanziert sich der Fotograf von ihr und irgendwann ist sie nur noch Teil der Landschaft. Oder eine Frau, die sich über viele, viele Jahre auf der Kirmes auf einem Foto-Schießstand selber portraitiert hat. Ihm geht es auch oft um Fehler und so hat er zum Beispiel viele Bilder zum größten Problem der Fotogeschichte gesammelt: Der eigene Finger ist vor der Linse gelandet.

Und was ist für die nähere Zukunft noch geplant?

Ab November wird es auf der einen Seite wieder die Wanderausstellung "Gute Aussichten" zu sehen sein und in dem anderen Flügel wird es die erste Ausstellung mit Jan Böhmermann geben. Jan Böhmermann wird zusammen mit seiner Kölner Produktionsfirma btf neue Arbeiten produzieren. Da wird es unter anderem auch um ein Resümee aus dem Bundestagswahlkampf gehen, aber auch um zahlreiche polarisierende Themen, die man bereits aus den TV-Sendungen kennt.


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